Vom Umgang mit der Trauer

Birgit Eilenberger schildert in ihrem Text, was Helfer im Umgang mit Trauernden in den verschiedenen Phasen des Trauerprozesses beachten sollten, um Kindern Trauer zu ermöglichen.

Trauer ist ein starkes Gefühl, das vom ganzen Menschen Besitz ergreift!

Trauer versetzt den Menschen aber nicht in Statik, sondern in eine eigene Dynamik. Trauern ist etwas aktives. Trauer wird durchlebt und bedeutet anstrengende psychische Arbeit. Von Freud stammt der Begriff Trauerarbeit und wurde von vielen übernommen, die sich mit der Trauer des Menschen befasst haben. Zu nennen sind hier vor allem Verena Kast und Elisabeth Kübler – Ross. Trauer läuft Prozessartig ab aber jeder Mensch hat sein eigenes Trauererleben, seine eigene Intensität und seine Zeit einzelne Phasen der Trauer zu durchleben. Es besteht auch die Möglichkeit einzelne Phasen zu übergehen, einige wiederholt zu durchleben und in ihnen zu verharren.

Trauergefühle werden in uns ausgelöst, wenn wir etwas verlieren. Das können Dinge sein, ein Tier oder Menschen zu denen wir eine Beziehung oder Bindung haben aber auch Orte, Gegenden können wir verlieren und deswegen Trauergefühle bekommen. Man denke nur an das Gefühl der ehemaligen DDR – Bürger. Es drückt sich unterschiedlich aus, in Witzen z.B. aber es handelt sich eindeutig um den Verlust der Heimat, auch wenn viele froh sind unliebsames los zu sein und jubeln, ist doch auch der Verlust zu betrauern. Beide Impulse existieren gleichzeitig. Aber nur einer wird gelebt. Die Trauer wird verdrängt, scheint auch nicht gesellschaftsfähig. Ebenso wenig werden beliebig andere Verluste bewusst oder gar kollektiv betrauert.

Uns fehlt inzwischen eine Trauerkultur. Wir lernen nicht mehr „wie man es macht“. Aufklärung über Sexualität hat halbwegs Einzug gehalten in die Familien, Kinderbücher und die Medien, die Erziehung. Aber Trauer, Tod und Sterben kommen gerade erst aus der Tabuzone und sind stark angstbesetzt. Geht es um Tod und Sterben und die Trauernden wird doch immer noch nach der Kirche, dem Pfarrer/ der Pfarrerin gerufen, obwohl ihnen noch vieles andere obliegt, werden sie hier reduziert als zuständig den Tod zu verwalten. Das ist Teil der Hilflosigkeit die durch Defizite in der Erziehung und in der Gesamtgesellschaft entstehen.Und obwohl viele mit Kirche gar nichts mehr oder einfach nichts zu tun haben, ist dies oft der einzige „Ort“ an dem an altes Wissen noch angeknüpft werden kann. Man kann auch annehmen, dass die Not das Beten lehrt und eine Hinwendung deshalb geschieht. Vielleicht ist es beides. Die Wurzeln unserer Kultur sind immerhin hier zu finden, unsere Geschichte ist eine des christlichen Abendlandes, auch wenn die Wurzeln durch jüngste geschichtliche Ereignisse gekappt scheinen. Es ist auch tatsächlich Aufgabe der Kirche Werte zu erhalten, zu pflegen und zu transportieren. Im Moment aber schließt sie alle diejenigen aus, die ihr nicht angehören, die sich nicht trauen, keinen Fuß in der Tür haben. Beides zusammenzuführen, neue Orientierung und alte Werte, währe an anderer Stelle ein interessantes Thema.

Andererseits ist das Phänomen auch in diesem Zusammenhang interessant, weil die Kirche sich ja auch mit dem Transzendenten, über uns hinausweisenden befasst und wer tut das sonst noch außer New Age und Sekten mit zweifelhaften Botschaften? Nach Maslow wird hier in der Gesellschaft ein Grundbedürfnis des Menschen nicht befriedigt, das nach Transzendenz. Ab diesem Gedanken wird der Zusammenhang der Ausführungen zum Thema Angst und Entwicklung deutlicher. Es  kann stundenlang über Trauer referiert werden, wie man mit ihr umgeht, mit den Trauerden umgeht u.s.w., wenn sich nicht Menschen finden, die sich des Themas annehmen und sich auch der Umsetzung verschreiben. Mein Ziel ist es, das Thema in die Normalität zu stellen, in Theorie und Praxis, auch außerhalb von „Kirche“, obwohl es hier viel zu lernen und zu entdecken gibt.

Ich weiß, dass es viele interessierte Menschen gibt. Ob das Interesse aus der eigenen Betroffenheit herrührt oder sich aus dem Umgang mit unserem Klientel ergibt. Meist stimmt ja beides, denn wir können zwar die Augen verschließen aber nicht verhindern, das Tod und Trauer stattfinden und unser Leben mitbestimmen.

Was hindert eine aktive Arbeit mit diesem Thema? Der gesamtgesellschaftliche Kontext, in dem Schönheit, Kraft, Siegermentalität und Dynamik die für meine Begriffe überbewerteten Werte sind. Für Pausen, Anhalten, Innehalten ist kein Platz. Dies führt uns nämlich automatisch zu uns selbst und zu uns gehören der Tod und die Trauer! Das löst Ängste aus die mir manchmal etwas überdimensioniert erscheinen und aus den einseitig gelebten Impulsen herrühren können.

Also birgt unsere unerkannte Angst den größten Widerstand gegen die Arbeit mit der eigenen und der Trauer anderer. Auch wird Trauer auch in anderen Zusammenhängen von uns ausgeblendet, weil uns das Gefühl an unsere Endlichkeit erinnert – den  Tod.

Gerade die Kinder und Jugendlichen unserer Einrichtung sind voller Angst und Trauer und das nicht nur in Zusammenhang mit dem Tod als Verlusterlebnis. Alle haben ihren Kontext durch Trennung verloren, auch wenn diese Trennung Hilfe bedeuten soll, so ist der Verlust trotzdem real. Wer fragt nach ihrer Traurigkeit, auch wenn sie uns nichts darüber berichten? Das kann kein externer Profi sein, es müssen die Menschen sein, die mit ihnen umgehen und eine Beziehung zu ihnen haben. Rituale allein können ein so intensives Erleben nicht auffangen oder möglich machen. Denn welcher Jugendliche erlaubt sich die Trauer zu leben? Sie brauchen auch hier unser Vorbild.

Am Beispiel Verlust durch den Tod, wird am deutlichsten wie ein Trauerprozess abläuft.

Phasen der Trauer nach Verena Kast

Trauer wird in vier Phasen beobachtet, diese beziehen sich nicht nur auf Verluste durch den Tod von nahestehenden Menschen. Es gibt sie auch bei anderen Verlusterlebnissen in verschiedenen Variationen und unterschiedlicher Intensität.

Die Phase des Nicht – wahrhaben – Wollens

In dieser ersten Phase der Trauer wird das Ausmaß der Lebenskrise deutlich, die ein schwerer Verlust auslöst. Sie stellt sich in den meisten Fällen als Empfindungslosigkeit dar. In den Beschreibungen sind die Menschen starr und fühlen sich selber wie tot und sind auch unfähig zu weinen. Jeder Schockzustand wird so beschrieben, es handelt sich hier um einen Gefühlsschock, den derjenige erlebt, der die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen erhält. Bei plötzlichen Ereignissen hält diese erste Phase etwas länger an. Nach Bowlby kann diese Phase von einigen Stunden bis zu einer Woche dauern.

  • Was sollten Helfer beachten? :

Vorwürfe gehören überhaupt nicht an diese Stelle, auch wenn uns das Verhalten und die Tränenlosigkeit des Betroffenen noch so bizarr erscheinen mögen. Am allerwichtigsten ist, den Trauernden spüren zu lassen, dass er nicht allein ist. Genauso wichtig ist aber, ihn nicht zu entmündigen, ihn als nicht Urteilsfähig abzustempeln! Ein auf die Situation abgestimmtes Verhältnis von Nähe und Distance ist zu finden. Dazu gehört Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit Dinge einfach sein zu lassen, etwas hinnehmen, was in keiner Weise zu ändern ist und trotzdem nicht so zu tun, als ob nichts geschehen wäre. Das ist die Balance die zu finden ist. Das Angebot bei den alltäglichen Arbeiten zu helfen ist sehr sinnvoll. Routineaufgaben sollten auch übernommen werden, wenn der Trauernde nicht extra darum bittet. Diese Tätigkeiten erscheinen ihm alle so sinnlos, dass er schnell das Interesse verliert, sich z.B. etwas zu kochen oder Termine wahrzunehmen. Eine warme Brühe in Selbstverständlichkeit serviert, wirkt keine Wunder, ist aber eine Geste der Zuwendung und geht auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse des Menschen zurück. Es ist schon wie eine zeitlich begrenzte Regression des Trauernden. Ist dem Helfer nach Tränen, soll er sie weinen, denn auch das ist real und das Annehmen der eigenen Gefühle.

Die Phase der aufbrechenden Emotionen

Die Phase ist von Emotionen, wie Wut, Traurigkeit, Freude, Zorn und Angstgefühlen geprägt und von starker Unruhe begleitet. Es ist wie immer sehr individuell was erlebt wird und hängt scheinbar von unserer Grundstruktur ab, die uns sonst auch das Reaktionsmuster liefert. Diese starken Gefühle wechseln sich mit starker Niedergeschlagenheit ab. In dieser Phase rennen wir gegen unsere Ohnmacht dem Tod und seiner Grausamkeit gegenüber an. Wir projizieren auf Außenstehende Schuld. Ärzten wird die Schuld am Tod der Angehörigen gegeben aber auch anderen Menschen und nicht zu unterschätzen, geben wir uns selbst Schuld. Wir können unsere Ohnmacht nicht eingestehen und mit der Suche nach dem zweifelhaften Sinn der in einer Fremdschuld oder der Eigenen liegt, mobilisieren wir vielleicht unsere Kräfte zum Weiterleben. Wir bürden aber auch die Last und die Grausamkeit des unvermeidlichen Schicksals anderen oder uns selber auf.

Eine große Bedeutung für das Gelingen der Trauer, spielt das Verhältnis zum Verstorbenen. War die Kommunikation gut und Konflikte wurden zu Lebzeiten ausgetragen oder wenigstens benannt, dann besteht nicht die Gefahr, dass Wut auf denjenigen ins leere geht, weil er als Gegenüber ja nicht mehr zur Verfügung steht. Außerdem gibt es einen gesellschaftlichen Kodex, der verbietet auf Verstorbene negatives zu projizieren.

Das erschwert die Auseinandersetzung im Nachhinein ungeheuer. Eigene Schuldgefühle werden nicht als so schwerwiegend erlebt, das sie uns erdrücken, wenn das Verhältnis im Wesentlichen geklärt ist. Diesen Umstand beschreibt eine Volksweisheit etwas verkürzt, als die wichtige Aufgabe einen liebenden Paares, sich nach einem Streit spätestens vor dem Einschlafen zu versöhnen. Denn man wisse nicht was die Nacht und der Tag bringen. Das Emotionschaos ist für den Trauernden sehr wichtig, es dient sozusagen wieder als Grundlage für den nächsten Schritt und es muss einfach durchgestanden werden. Dazu ist Begleitung eine gute Hilfe.

  • Was sollten Helfer beachten? :

o das etwas anders, sie meint die Beziehungsklärung diene eher dazu, Aspekte des Verstorbenen in die eigene Persönlichkeit zu integrieren, das was der Tote bedeutet hat, in das neu entstehende Leben einzubringen. Dieses Suchen geht oft ganz praktisch vor sich, in dem z.B. eine Witwe bei dem Geräusch eines einparkenden Autos, wie gewohnt zum Fenster geht, um ihren Mann zu begrüßen und den Impuls verspürt das Abendessen zu richten. Oder man sucht nach Ähnlichkeiten bei anderen Personen, nimmt Eigenschaften oder Handlungsweisen, gar den oft für den Trauernden ganz unpassenden Lebensstil an. Das interpretiert V. Kast als Retten der Gewohnheiten, als Widerstand gegen die Veränderung wichtig Es ist dem Trauernden seine Schuldgefühle nicht auszureden, zu rationalisieren, sondern sie als existierendes Gefühl ernst zu nehmen. Sie sollten auch nicht verstärkt werden. Hier ist auch zu überlegen, ob eine Therapie sinnvoll wird, wenn ungeklärte Beziehungen den Trauernden in einem verzweifelten Zustand festhalten. Das Sprechen über den Verstorbenen wird die von uns oft gefürchteten Emotionen auslösen. (Man denke an die Beziehungsangst) Ablenkung ist eine Möglichkeit für kurze Momente und kann auch hilfreich sein. Aber zu bedenken ist dabei immer dass der Trauernde nicht wirklich abgelenkt werden kann, da er ein Trauernder ist, es macht in dieser Zeit sein Wesen aus! Die Emotionen sind eher wünschenswert, weil sie den Prozess vorantreiben und wirkliche Entlastung bringen. Wir müssen sowieso hindurch. Ein darum herum gibt es nicht. Höchstens eine Art Einfrieren und das kostet unsere Lebendigkeit.

Ein tiefes Gefühl der Freude über die gelebte Beziehung ist ein Zeichen der Ambivalenz einer Beziehung. Beide Aspekte gehören zu uns, zum Beziehungspartner und zur Trauerarbeit, der Anklagende und der Dankbare. Wichtig für den Helfer ist zu wissen, dass sich Zorn und Wut auch gegen ihn richten können. Er sollte das Chaos der Emotionen einfach aushalten können, dabei aber dem Trauernden seine volle Aufmerksamkeit schenken.

Die Phase des Suchens und sich Trennens

Es gibt ein Suchverhalten beim Trauern, welches unterschiedlich interpretiert wird. Bowlby meint, dass die Schuldgefühle und der Zorn schon eine Art Suchen sind und den Zweck erfüllen, den Toten, das Verlorene irgendwie Lebendig zu halten. Die Auseinandersetzung mit der Beziehung zum Verlorenen als Beweis für den nicht vollständigen Verlust – ein Verdrängungsversuch, eine Abmilderung des Absoluten. Verena Kast sieht. Der Sinn in dem vermeintlichen Finden liegt aber in dem immer wieder erneut erlittenen Verlust. So ist das Suchverhalten dazu geeignet den Menschen in einem Prozess darauf vorzubereiten, das Unvermeidliche doch noch anzunehmen, ohne gleich alles was ihn ausgemacht hat, widerstandslos verloren zu geben. Auch ist hier die Chance, eigene an den Partner delegierte Eigenschaften zurückzunehmen. Die Phase der Verzweiflung und der Apathie und Depression kann wieder hervorbrechen, wie in allen Trauerphasen. Hier besteht für den Trauernden gleichzeitig die Gefahr, das er das Leben aufgibt und dafür gibt es zwei Qualitäten. Die eine besteht ganz konkret in Suizidgedanken. Das Leben erscheint ihm nicht mehr lebenswert und er kann sich nicht vorstellen, das sich das jemals ändert. Der Gedanke, dass es nie wieder so wird wie es war, löst die Verzweiflung aus. Eine weniger krasse Variante ist das Kleben an alten Gewohnheiten, das neue Leben wird nicht gesucht es erscheint als zu mühselig. Bei vermissten Personen machen sich besonders die Phantasien über den Verbleib des Verlorenen selbständig aber auch bei Verstorbenen ist dieses Phänomen zu beobachten. Der Hinterbliebene macht sich Phantasien über den Verbleib der manchmal bizarre Formen annimmt.

  • Was sollten Helfer beachten? :

o Der Trauernde sollte nicht gedrängt werden, sein Suchverhalten aufzugeben. Es wird beschwerlich immer die gleichen Geschichten über den Verstorbenen zu hören aber es ist eine Form des Suchens und Findens. Es ist auch schwer immer wieder wilde und weniger wilde Phantasien über den Verbleib des Toten zu hören. Dabei bleiben und immer wieder die Gelegenheit und Freiraum bieten, diese Geschichten zu erzählen, das ist die Aufgabe des Helfers. Das Erzählen löst Emotionen und führt zur Verarbeitung.

Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs

Kennzeichnend für diese Phase ist, dass die Trauer nicht mehr das gesamte Wesen des Menschen beansprucht. Integration des Verstorbenen ist die Voraussetzung für diese Phase. Er ist eine Art innerer Begleiter geworden. Ein neues Selbstbild entsteht, in dem das Bewusstsein vom Tod als lebensbegleitenden Fakt integriert wird und gleichzeitig wieder Freude empfunden wird. Sinn kehrt trotz des Bewusstseins des Verlustes und auch angesichts des Schmerzes zurück. Es wird wahrgenommen, das der Tot des betrauerten Menschen viel genommen aber auch etwas geschenkt hat. Auf keinen Fall darf hier der Eindruck einer Verklärung des Schmerzes entstehen. Der Mensch kann sich wieder nach außen orientieren und hat ein Gefühl trotzdem sinnvoll leben zu können und den Schmerz, der immer wiederkehren kann, zu verkraften.

  • Was sollten Helfer beachten? :

o Der Mensch kann jetzt die „Betreuer“ entbehren, die Helfer stehen jetzt in der Gefahr zum Hemmschuh der Entwicklung zu werden, wenn sie die Veränderungen des Trauernden nicht wahrnehmen und die neue Selbständigkeit nicht akzeptieren. Um der große Helfer zu bleiben, neigt die Helferperson manchmal zur Stabilisierung der Hilflosigkeit des Trauernden in seiner hilflosen Situation.

Alle diese Phasen können auch zu Komplikationen führen und es gibt die Gefahr des Verharrens in einer dieser Phasen. Dies ist vom Laien nicht gut zu diagnostizieren. Körperliche Symptome ohne sichtbare Ursache weisen, jedoch auf eine solche Möglichkeit hin. Alles was für Ängste und die Verdrängung gilt, kann auch für die Trauer gelten.