Biografiearbeit mit Pflegekindern

Biografiearbeit ist eine Form der Lebensbegleitung, die dem Kind vor allem Freude bereiten soll, z. B. durch das Betrachten alter Fotos oder wenn es darum geht, vergangene Ereignisse und Zusammenhänge zu Papier zu bringen. Was in seinem Leben war, beschäftigt ein Kind sowieso. Es ist wichtig, dass die Lebensgeschichte nicht tabuisiert wird. Biografiearbeit stellt dem Kind für dieses Beschäftigen mit der Vergangenheit anregende Mittel zur Verfügung und hilft ihm, seine Sicht des Erlebten zu dokumentieren. In vielen Fällen hat dies heilsame Effekte. Von Dr.Jörg Maywald

Warum Biografiearbeit?

Kinder, die von Geburt an zumindest bei einem Elternteil aufwachsen, haben vielerlei Gelegenheit, ihre Vergangenheit lebendig zu erhalten. Fotos und andere Dokumente stehen zur Verfügung. Anekdoten werden erzählt. Wie von selbst ergeben sich im Alltag Gespräche über zurückliegende Ereignisse. Eltern, Verwandte und Freunde beantworten neugierige Fragen nach dem, was früher war.

Anders bei Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern in einer Pflegefamilie leben. Häufig haben sie in ihrem Leben bereits viele Trennungen und Beziehungsabbrüche erlebt. Zu manchen Stationen ihres Lebensweges gibt es keine oder nur geringe Informationen. Viele Ereignisse – besonders wenn diese lange zurückliegen – wurden vergessen oder verdrängt. Manche Erinnerungen sind tabuisiert. Der Kontakt zu Angehörigen ist häufig schwach oder ganz unterbrochen. Das Wissen der Pflegeeltern über die Geschichte ihres Pflegekindes beschränkt sich in der Regel auf wenige Daten und Episoden. Unter diesen Bedingungen ist der Aufbau einer sicheren Identität schwierig.

Bestehende Lücken in der Biografie werden von den Kindern in der Regel mit Phantasien gefüllt, die sich an der Realität nicht überprüfen lassen. Mangels besseren Wissens beschränken sich die phantasierten Geschichten nicht selten auf Entweder-Oder-Kategorien: Entweder die Vergangenheit wird ausschließlich als »schlecht« phantasiert, woraus häufig eine Überzeugung der eigenen Minderwertigkeit gefolgert wird. Oder aber es wird an der Fiktion einer vergangenen überglücklichen Zeit festgehalten, beispielsweise durch die rigide Vorstellung von den »guten Eltern«, denen das »böse Jugendamt« das Kind weggenommen hat. Mangelnde Realitätsprüfung kann in solchen Fällen bei den Kindern zu Identitätsproblemen und zu damit einher gehenden Entwicklungsstörungen führen.

Demgegenüber stellt Biografiearbeit den Versuch des Kindes dar, seine eigene Lebensgeschichte wieder für sich zu »erobern« und dadurch Identität und Selbstsicherheit zu gewinnen. Das Auffinden von Fakten und das Sprechen über bedeutsame Ereignisse und Personen der Vergangenheit können dem Kind helfen, seine Biografie zu akzeptieren und mit diesem Wissen gestärkt in die Zukunft zu gehen. Das englische Wort »Bridging« (eine Brücke schlagen) bezeichnet treffend den Prozess der Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen sinnvollen Zusammenhang. Biografisches Arbeiten bietet Anregungen und stellt eine Struktur bereit, um mit Kindern über ihre Vergangenheit ins Gespräch zu kommen. Biografiearbeit kann zu der Herstellung eines Lebensbuches (Life Story Book) oder eines Videos führen. Wichtiger als ein fertiges Produkt jedoch ist die Gestaltung des Prozesses, in dem verloren gegangene Teile der Lebensgeschichte neu zugänglich gemacht werden.

Biografiearbeit kann dabei helfen, (neue) Antworten auf die zentralen Fragen von Pflegekindern zu finden:

  • Wo komme ich her?
  • Was ereignete sich wann und warum?
  • Was mache ich hier?
  • Zu wem gehöre ich?
  • Wie sehen mich die anderen?
  • Was wird sich verändern?
  • Wo werde ich leben?
  • Was wird aus mir?

Ziel von Biografiearbeit ist es, verinnerlichte Phantasien besser mit den überprüfbaren Fakten der äußeren Realität in Einklang zu bringen, dadurch die Identitätsfindung zu unterstützen und das Selbstwertgefühl zu stärken. Nicht zuletzt hat biografisches Arbeiten eine präventive Aufgabe: Wer Zusammenhänge in der Vergangenheit erkennt, wird weniger dazu verführt, schmerzhafte Situationen in Zukunft zu wiederholen.

Anforderungen an Biografiearbeit

Biografisches Arbeiten sollte in den Alltag einbezogen sein und von denjenigen Personen durchgeführt werden, die dem Kind nahe stehen. Pflegeeltern sind für diese Aufgabe sehr gut geeignet. Eine besondere z. B. therapeutische Ausbildung ist nicht notwendig. Hilfreich sind allerdings die – eventuell in Kursen erworbene – Kenntnis der Bedeutung von Biografiearbeit und der Erwerb methodischen Wissens, um dem Kind altersgerechte Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich mit seiner Lebensgeschichte zu beschäftigen.

Anforderungen zur Erarbeitung der Lebensgeschichte ergeben sich vor allem an die Haltung der erwachsenen Begleiter. Wichtige Eigenschaften sind Zuverlässigkeit, Vertraulichkeit und Sensitivität. Zur Zuverlässigkeit gehören personelle Kontinuität, das Einhalten verabredeter Termine und die Sicherheit, eine einmal begonnene Arbeit auch zu beenden. Vertraulichkeit betrifft die Zusicherung, die im Rahmen des biografischen Arbeitens entdeckten Daten und Zusammenhänge nicht ohne Zustimmung des Kindes an Dritte weiterzugeben. Dieses Prinzip findet allerdings seine Grenze in Fällen von Kindeswohlgefährdung wie z. B. bei der Aufdeckung eines sexuellen Missbrauchs. Sensitivität schließlich bezieht sich auf die korrekte Wahrnehmung und Interpretation sowie angemessene Reaktion auf alle kindlichen Äußerungen. Hierzu gehört, dem Kind nichts in den Mund zu legen und zugleich nicht zu vermeiden, über Dinge zu sprechen, über die das Kind sprechen will. Wichtig ist auch, eventuell entstandene Produkte der Biografiearbeit (z. B. eine Fotoserie oder ein Lebensbuch) nicht als Preis oder Bestrafung einzusetzen.

Vorgehensweise

Auch wenn Biografiearbeit alltagsbegleitend stattfinden sollte, gibt es im Leben jedes (Pflege-)Kindes Phasen, in denen es besonders neugierig auf seine Lebensgeschichte ist. Neben altersspezifisch günstigen Zeiten (Vorschulalter, Pubertät) sind Kinder bei bevorstehenden Veränderungen (Schulwechsel, Umzug) im Allgemeinen besonders empfänglich für Angebote biografischen Arbeitens. Ein bestimmtes Mindest- oder Höchstalter ist nicht zu beachten. Auch das Sprechen mit dem noch nicht der (aktiven) Sprache mächtigen Säugling über Einzelheiten seiner Herkunft stärkt dessen biografische Einbettung. Selbstverständlich hat ein Kind jederzeit das Recht, Anregungen zur Biografiearbeit zurückzuweisen, einzelne Themen seiner Lebensgeschichte auszuklammern oder einen bereits begonnenen Prozess abzubrechen. Auch nonverbal geäußerte Abwehr sollte von den verantwortlichen Erwachsenen respektiert werden. Widerstände dürfen kein Anlass sein, das Kind dafür zu kritisieren. Umgekehrt sollten Signale des Kindes, sich mit Ereignissen der Vergangenheit zu beschäftigen, nicht übersehen werden. Falls im Zuge von Biografiearbeit Personen aus der Vergangenheit des Kindes angesprochen werden, muss auch deren Recht beachtet werden, sich einer Mitarbeit zu verweigern. Dies kann bei dem Kind zu Enttäuschungen führen, auf die es vorbereitet sein sollte. Biografiearbeit kann auch in Gruppen durchgeführt werden. Hierbei kann der besondere Effekt genutzt werden, dass Kinder in der Biografie der anderen Verbindungen zur eigenen Lebensgeschichte entdecken.

Fragestellungen

Wenn ein Kind die Bereitschaft äußert, sich auf einen längeren Prozess biografischen Arbeitens einzulassen, kann mit der Planung begonnen werden. Folgende Themen und Fragen können hierbei (im Sinne einer Checkliste) hilfreich sein:

Bestandsaufnahme:

  • Was weiß ich bereits über das Kind?
  • Wo bestehen Lücken? Wen kann ich über das Kind, seine Familie und seine Vorgeschichte befragen?

Zeit- und Raumplanung:

  • Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Arbeit mit dem Kind zu beginnen?
  • Welchen Zeitraum plane ich insgesamt ein?
  • Welchen Rhythmus für Termine kann ich einhalten?
  • Wo kann ich mit dem Kind ungestört arbeiten?

Kooperationspartner

  • Wen kann ich mit einbeziehen?
  • Wer kann mich beraten?
  • Wer kann das Kind während der Zeit der Biografiearbeit unterstützen?

Situation des Kindes

  • Welche Konflikte können eventuell bei dem Kind wachgerufen werden?
  • Wen muss ich darauf vorbereiten?

Praktische Umsetzung

  • Welche Methoden kann ich einsetzen?
  • Welche Personen und Orte will ich mit dem Kind aufsuchen?
  • Was ist dabei zu beachten?
  • Welche Materialien muss ich bereit halten?

Methoden der Biografiearbeit

Wer mit (Pflege-)Kindern biografisch arbeitet, kann auf ein breites Spektrum von Methoden zurückgreifen (vgl. Ruhe, 1998; Ryan/Walker, 1997). Allen Methoden ist gemeinsam, dass sie die Komplexität der Lebensgeschichte mittels einer ausgewählten Fragestellung reduzieren und eine strukturierte Vorgehensweise verlangen. Die Auswahl der Methoden im Einzelfall richtet sich nach Alter, Reifegrad, Vorgeschichte und besonderem Interesse des Kindes. Daneben spielen Neigungen und Vorlieben der erwachsenen Person eine Rolle, die das Kind anleitet. Generell gilt, dass nur solche Methoden verwendet werden sollten, die vorher bereits einmal am »eigenen Leibe« erprobt und erfahren wurden. Im Folgenden werden die wichtigsten Methoden genannt, die zu diesem Zweck zu Gruppen zusammengefasst sind (eine ausführliche Darstellung ist in der bereits zitierten Literatur zu finden).

Recherche und Vorstellung

Wichtige Daten der Lebensgeschichte können recherchiert und in einer für das Kind verständlichen Weise zusammengestellt und erläutert werden. Außerdem kann das Kind sich selbst vorstellen und beschreiben. Für eine erste Recherche eignen sich gut die zur Verfügung stehenden amtlichen Dokumente wie Geburtsurkunde, ärztliches Untersuchungsheft (U-Heft) u. a. Der Umfang der dort aufgeführten offiziellen Daten ist größer als häufig vermutet. Viele Angaben wie z. B. der Geburtsname der Mutter oder der Bericht über eine Frühgeburt wecken die Neugier und sind Anlass für weiterführende Fragen. Aufgrund der amtlichen Daten können zumeist die wichtigsten Verwandtschaftsbeziehungen bestimmt werden. Weitere Aufschlüsse ergeben sich über Geschichte und Bedeutung der in der Herkunftsfamilie vorkommenden bzw. gewählten Vor- und Nachnamen. Häufig bestehen bei Pflegekindern Unklarheiten über die unterschiedliche Bedeutung von leiblicher (genetischer), legaler und sozialer Elternschaft. Entsprechende Zuordnungen und Erläuterungen – eventuell visualisiert oder szenisch gestützt (vgl. den Vorschlag von Fahlberg, in: Ryan/Walker, 1997, S. 83 ff.) – bringen hier Aufklärung.

Vor allem bei Kindern im Grundschulalter sind die im Handel erhältlichen so genannten Freundschaftsbücher beliebt, in denen die Kinder sich mit ihren Eigenschaften vorstellen und untereinander präsentieren können. Für die Biografiearbeit ergeben sich hier vielfältige Möglichkeiten, der Selbst- und Fremdwahrnehmung des Kindes Ausdruck zu verleihen.

Fotos: Die Vergangenheit „besuchen“

Als Bilddokumente lassen Fotos auf besonders eindrückliche Weise vergangene Momente wieder aufleben. Die Arbeit mit Fotos gehört daher zu den wichtigsten Methoden biografischen Arbeitens. Wenn Kinder ihre Lieblingsfotos aus der Vergangenheit benennen, kommt es bisweilen zu überraschenden Zuordnungen. Nicht die auf den ersten Blick gelungenen Fotos werden regelmäßig ausgewählt, sondern häufig diejenigen Abbildungen, mit denen sich ein besonderes Erlebnis oder auch eine bestimmte Stimmung verbindet. Dies kann ein Haustier sein, das Zimmer der Oma oder das Spielzeug eines Geschwisterkindes. Bei der Betrachtung von Fotos interessant sind auch Fragen nach den nicht abgebildeten Personen und nach dem (vermutlichen) Fotografen der Aufnahme.

Unter der Voraussetzung entsprechender Fachkenntnisse (Familienskulpturarbeit) können Fotos als (Foto-)Skulptur nachgestellt werden, um die darin zum Ausdruck kommenden Stimmungen und Empfindungen nachzuerleben.

Wenn nur wenige oder sogar überhaupt keine Fotos aus bestimmten Lebensabschnitten vorhanden sind, besteht manchmal die Möglichkeit, alte Orte wie zum Beispiel den Geburtsort, ein Krankenhaus oder ein Kinderheim noch einmal aufzusuchen und diese Besuche mit dem Kind fotografisch zu dokumentieren. Ähnliches gilt für Besuche bei Personen, mit denen das Kind Erinnerungen verbindet. Auch in diesen Fällen können neben den vordergründig für das Kind wichtigen Bezugspersonen andere scheinbar weniger wichtige Menschen wie etwa eine Küchenhilfe im Heim oder ein Lehrer der Schule eine bedeutsame Rolle spielen. Große Bedeutung erlangen »Besuche der Vergangenheit« für Kinder ausländischer Herkunft, besonders wenn sie aus einem anderen Kulturkreis kommen. Häufig stellen solche Besuche für diese Kinder die einzige Möglichkeit dar, körperliche Merkmale (z. B. Hautfarbe), kulturelle Herkunft und aktuelle Lebenssituation als integrierte Bestandteile ihres Selbst sinnlich erfahrbar miteinander zu verbinden.

Zeichnungen und Schaubilder

Ein weiteres großes methodisches Feld für Biografiearbeit bilden Zeichnungen und Schaubilder, deren Verwendung allerdings stark altersabhängig ist. Bereits für Vorschulkinder interessant sind Collagen, die sich auf Orte und Ereignisse der Lebensgeschichte beziehen. Auf einer »Landkarte der Familienmobilität« können Ortswechsel des Kindes von seiner Geburt an aufgezeichnet werden. Ein Beziehungsnetzwerk (»soziales Atom«), bei dem das Kind als zentraler Bezugspunkt symbolisiert wird, kann alle wichtigen Beziehungen des Kindes zu Personen aus Vergangenheit und Gegenwart verdeutlichen. Für ältere Kinder geeignet sind die Zeichnung eines Lebensstrahls (Life Graph), auf dem die chronologische Ordnung der Lebensereignisse sichtbar wird, weiterhin die Anfertigung eines Genogramms und unterschiedliche Formen von Familiendiagrammen und -skulpturen (Pfennig-Diagramm, Klötzchen-Skulptur, Schnittmengen-Diagramm), durch die Nähe und Distanz sowie der emotionale Gehalt von Beziehungen abgebildet werden kann.

Übergangsrituale

Neben dem Bezug zur Vergangenheit kann biografisches Arbeiten auch zukünftige Ereignisse in den Blick nehmen. Die bewusste Vorbereitung und Gestaltung von Übergängen dient dazu, die (innere) Beteiligung zu stärken und die Handlungsmöglichkeiten des Kindes als Akteur seiner Biografie zu erweitern. Ritualisierte Formen wie Abschiedskalender, Abschiedsbegehungen und Abschiedsfeste sowie die fotografische Dokumentation von Übergängen bieten sich hierfür an.

Das Lebensbuch

Die Ergebnisse unterschiedlicher Methoden biografischen Arbeitens können in einem Le bensbuch (Life Story Book) zusammengefasst und dokumentiert werden. Inhalte eines solchen vom Kind gestalteten Buches sind z. B. eine Kopie der Geburtsurkunde, ein Stammbaum bzw. ein Genogramm, die eigene Landkarte, eine Lebensgrafik, die Dokumentation der Besuche von Orten und Personen aus der Vergangenheit und Fotografien. Da das Lebensbuch dem Kind gehört und destruktive Veränderungen oder ein Verlust des Buches nicht auszuschließen sind, ist darauf zu achten, von wichtigen Dokumenten Kopien zu verwenden.

Der theoretische Rahmen: Die Bindungstheorie

Der regelmäßig zu beobachtende Wunsch von (Pflege-)Kindern, etwas über die eigene Herkunft und die bisherigen Stationen der Lebensgeschichte zu erfahren, hängt eng zusammen mit dem angeborenen Bedürfnis nach Bindung und sozialem Kontakt. Stabile soziale Beziehungen und die Wertschätzung bestehender Bindungen gehören zu den Grundbedürfnissen (Basic Needs) jedes Kindes. Sie bilden eine wichtige Grundlage für die Identitätsentwicklung. Die Bindungsforschung liefert die theoretische Begründung für den Wunsch von Pflegekindern nach Biografiearbeit.

Zu den Bedürfnissen von Pflegekindern gehört ein ungestörter Bindungsaufbau zu den sozialen Eltern und zugleich die Achtung ihrer Herkunft. Nicht in jedem Fall muss die Wertschätzung der Herkunft des Kindes sich in Besuchskontakten zwischen Kind und Herkunftseltern ausdrücken: »Richtig ist, dass Menschen ihre Herkunft begreifen wollen, dass sie – wie es oft heißt – nach ihren Wurzeln suchen, und richtig ist auch, dass dieses Bedürfnis in Wissenschaft und Praxis lange Zeit wenig wahrgenommen worden ist. Die Verdrängung und die Verleugnung der eigenen Geschichte hat sich nicht nur im politischen Raum abgespielt, sondern auch im Umgang mit der Biografie des Individuums.

„(…) Zu behaupten aber, dass diese Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nur in Form der realen Konfrontation mit den zu dieser Geschichte gehörenden Personen vor sich gehen könne und vor sich gehen müsse, ist eine durch nichts zu belegende Idee, die sich meist recht abstrakt auf die Erhaltung des familialen Systems beruft ohne Rücksicht auf die destruktiven Auswirkungen auf seine schwächsten Mitglieder – Kinder nämlich, die von den Eltern in der Vergangenheit Leid, Gewalt und Zurückweisung erfahren haben, das im fortdauernden Kontakt mit ihnen immer wieder auflebt« (Zenz, 2000, S. 12 f.). Auf dem Hintergrund der Bindungstheorie ist Biografiearbeit mit Pflegekindern also besonders in den Fällen von Bedeutung, in denen ein Besuchskontakt zu früheren Bindungspersonen nicht möglich ist.

Was ist wahr? – Wie unser biografisches Gedächtnis funktioniert

Sobald es im Zuge biografischen Arbeitens zu Widersprüchen kommt oder ein feststellbares Faktum dem subjektiv Erlebten sogar deutlich entgegensteht, stellt sich die Frage nach der Wahrheit des Erinnerten und damit nach der Funktionsweise unseres Gedächtnisses. Lange Zeit wurde angenommen, das menschliche Gehirn sei zu Beginn eine Art unbelichteter Film (Tabula rasa), auf dem nach und nach die Eindrücke des Lebens originalgetreu abgebildet würden. Die Tatsache des Vergessens versuchte man mit Ermüdungserscheinungen oder Funktionsstörungen des Gedächtnisses zu erklären.

Die moderne Neurobiologie vertritt heute ein ganz anderes Modell von der Funktionsweise des Gehirns. So wissen wir inzwischen, dass das Gehirn nicht nur passiv Wahrnehmungen speichert, sondern als aktives Organ komplexe Erlebnisse in Einzelinformationen zerlegt, diese an mehreren Orten des Gehirns gleichzeitig ablegt und die so entstandenen Speicherungen je nach Aktualität immer wieder neu überschreibt. »Wahrnehmungen und Erinnerungen sind also datengestützte Erfindungen« (Singer, 2000), d.h. Kompromisse aus Abbild und Konstruktion, die im Laufe des Lebens einem beständigen Wandlungsprozess unterliegen.

Fazit

Ziel von Biografiearbeit im Licht dieser neuen Erkenntnisse kann daher nicht die Fiktion einer vollständigen und wahren Rekonstruktion der Lebensgeschichte sein. Worauf es vielmehr ankommt ist, die zur Verfügung stehenden überprüfbaren äußeren Daten und die sich wandelnden inneren Bilder ohne großen Verlust sinnvoll zu integrieren und dadurch zu einem kongruenten Selbstbild zu kommen. Es geht darum, die eigene Biografie immer wieder neu zu erschaffen, um sich seiner selbst zu vergewissern und selbstbewusst in die Zukunft zu gehen.

Literatur

Kotre, Weiße Handschuhe. Wie das Gedächtnis Lebensgeschichte schreibt, 1996

Ruhe, Methoden der Biografiearbeit, 1998

Ryan/Walker, Wo gehöre ich hin? Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen, 1997

Singer, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen. In: FAZ vom 28.09.2000

Zenz, Zur Bedeutung der Erkenntnisse von Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung für die Arbeit mit Pflegekindern. In: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.), Jahrbuch des Pflegekinderwesens, 2000

Dr. Jörg Maywald, Deutsche Liga für das Kind Chausseestr. 17, 10115 Berlin

aus: jugendhilfe 39, 5/2001, 235 – 240

mit freundlicher Genehmigung von Wolters Kluwer Deutschland / Luchterhand-Verlag, Neuwied