Rechenschwäche (Dyskalkulie)

Was ist Rechenschwäche eigentlich genau und weshalb hilft üben bei Kindern mit Dyskalkulie nicht? Hier finden Sie Antworten auf diese Fragen und einige einfach zu erkennende Anzeichen für eine mögliche Rechenschwäche.

Was ist Rechenschwäche?

Als Rechenschwäche (Arithmasthenie oder Dyskalkulie) wird ein systematisches Lernversagen beim Erwerb fundamentaler arithmetischer Einsichten bezeichnet. Davon betroffen sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Probleme liegen gewöhnlich im Zahlverständnis.

Vielfach basieren diese Schwierigkeiten auf Defiziten beim Erwerb basaler Einsichten im vorzahligen Bereich sowie beim Aufbau eines verständigen Mengen- und Zahlbegriffs. Da bei einer vorliegenden Rechenschwäche grundlegende arithmetische Einsichten fehlen, können darauf aufbauende mathematische Gedanken nicht verstanden werden. Die Betroffenen folgen in der Bearbeitung mathematischer Sachverhalte ihrer subjektiven Logik, die systematisch nachweisbare Fehlertypen aufweist.

Die Rechenschwäche ist in der ICD-10-Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) neben der Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) als eine umschriebene Teilleistungsschwäche gelistet. Demnach handelt es sich bei einer Rechenschwäche nicht um einen Mangel an Intelligenz oder an Begabung. Es handelt sich ebenso wenig um die generell mangelnde Fähigkeit zum logischen Denken, sondern um einen definierten Ausfall im mathematischen Lernen.

Nach den jüngsten Untersuchungen der Charitè Berlin muss bei 6,6 % der Grundschüler von einer vorliegenden Rechenschwäche ausgegangen werden. In vielen Fällen wird die Rechenschwäche nicht diagnostiziert und bleibt unbehandelt. Daher ist von einer höheren Zahl rechenschwacher Kinder, Jugendlicher und Erwachsener auszugehen, die keine geeignete Förderung erfahren haben.

Eine Rechenschwäche wächst sich nicht aus. Ihre Auswirkungen auf die Bildungs- und Berufschancen und damit auf die Lebenschancen der Betroffenen sind in der Regel gravierend. Das Versagen in einem solch zentralen Lernbereich verursacht bei den betroffenen Schulkindern meist eine Orientierung an den eigenen Misserfolgen, die zu Schulunlust und Schulangst führen kann. Schulisches Versagen und damit der Entzug von Lebenschancen ist nicht selten eine der Konsequenzen einer unbehandelten Rechenschwäche. Für die von einer Dyskalkulie betroffenen Kinder, später Jugendlichen und Erwachsenen ist daher eine dyskalkulietherapeutische Hilfestellung angeraten.

Symptome der Rechenschwäche

Bei rechenschwachen Kindern wie auch bei Jugendlichen und Erwachsenen treten die folgenden Symptome häufig auf. Die aufgeführten Symptome können einzeln oder auch kombiniert ebenso bei Nicht-Rechenschwachen auftreten. Das Zutreffen einzelner Symptome indiziert noch nicht den Befund einer Rechenschwäche. Sollte dagegen eine Vielzahl der angeführten Symptome zutreffen, raten wir dringend zu einer genaueren Untersuchung. Erst mit einer genauen Diagnostik kann das individuelle Profil der Rechenschwäche als Voraussetzung einer gezielten Hilfestellung festgestellt werden.

  • Nahezu alle Aufgaben werden durch Zählen mit den Fingern oder mit Hilfe von Anschauungsmaterialien gelöst.
    Bei Additionen und Subtraktionen wird sich häufig um 1 verrechnet.
  • Es wird auch da gezählt, wo sich Zählen erübrigt. Nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt.
  • Alle sich aus der Logik des Zahlaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen ergebenden Rechenerleichterungen bleiben systematisch ungenutzt. Nach 3+4=7 wird 7-4 neu abgezählt.
  • Dekadische Transferleistungen sind nicht möglich. Nach 3+4=7 wird 13+4 neu ”durchgezählt”.
  • Subtraktionsaufgaben werden regelmäßig nicht oder falsch gelöst.
  • Rechenarten werden verwechselt.
  • An die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begriffslose, rein mechanische Rechnen, auch da, wo sich die Mechanik logisch ”verbietet”. 13-12 wird gerechnet als 10-10=0 und 3-2=1.
  • Anstelle der Operationslogik treten subjektive Rechenregeln (subjektive Algorithmen), z. B. 10+10=200
  • Es werden häufig die Zehner und Einer von Zahlen vertauscht (Zahlreversionen): 24 statt 42.
  • Die Stellenwerte von Zahlen werden beim Rechnen missachtet. Bei 30+25=82 wird gerechnet 3+5=8 und 0+2=2.
  • Die Bedeutung der Null als Zahl und als Ziffer wird nicht erkannt.
  • Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt: 9×9=81; 8×9=72; 81-9 muss neu abgezählt werden
  • Offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt. Häufig werden ”Traumergebnisse” produziert, z. B. 200:2=1
  • Platzhalteraufgaben (analytische Aufgaben), wie x – 4 = 6 können nicht gelöst werden.
  • Bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis: Es werden falsche Fragen formuliert, z. B. nach schon gegebenen Inhalten, und falsche Rechnungen angestellt. Die Antworten passen nicht zur Frage.
  • Der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Gewichten, Geld, Zeiten) gelingt nicht oder kaum.
  • Das räumliche und/oder zeitliche Vorstellungsvermögen ist nicht altersgemäß entwickelt.
  • Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen.

Warum hilft Üben nicht?

Rechenschwache Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die ausschließlich ein Problem im mathematischen Lernen haben, sind normal bis überdurchschnittlich intelligente Menschen, deren Leistungen im mathematischen Bereich gegen jede Erwartung niedrig ausfallen.

Alle herkömmlichen Formen des Übens und Nachhelfens können hier keinen Erfolg zeigen. Rechenschwäche ist nicht die Folge mangelnder Konzentration oder fehlenden logischen Denkvermögens. Sie verdankt sich nicht der Dummheit oder Unwilligkeit des Betroffenen. Die auf solchen Einschätzungen beruhenden Bemühungen, rechenschwachen Kindern und Jugendlichen durch zusätzliche Förderstunden und Übungen den aktuellen Schulstoff zu vermitteln, scheitern fast immer, da die Betroffenen zum Einüben von Unverstandenem gezwungen werden.

Ein solches Üben ist nicht nur sinnlos und eine Qual für Kinder und Eltern, es trägt zudem zur sekundären Neurotisierung des Kindes oder Jugendlichen bei. Ein Kind, das ”übertrainiert” wird, reagiert auf die eigenen, vergeblichen Bemühungen häufig mit Lernabneigung und Mathe-Angst, die sich zu einer fächerübergreifenden Lernunlust und zu einer allgemeinen Schulangst ausweiten können. Die in Folge einer Rechenschwäche möglichen psychischen Beeinträchtigungen können wiederum die weitere kognitive Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen beeinträchtigen.

Quelle: Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR), dort finden Sie auch weiteres Material und Testbögen.