Erfahrungsbericht einer Mutter

Wie geht es eigentlich Eltern, deren Kinder an einer Teilleistungsstörung leiden? Was geht in ihnen vor, was treibt sie um? Karo Göhner beschreibt dies aus ihrer Erfahrung mit der Rechenschwäche ihrer Tochter.

In der zweiten Klasse der Grundschule, mit dem Beginn von größer werdenden Zahlen und schwierigeren Aufgaben, traten die ersten Schwierigkeiten auf. Die Gummibärchen und Smarties reichten nun nicht mehr, um Aufgaben plastisch zu verdeutlichen. Der Unmut und Trotz auf beiden Seiten wuchs.

Deutlich habe ich noch eine Situation in Erinnerung. Für eine Arbeit haben wir sehr viel gelernt und ich hatte die berechtigte Hoffnung, dass meine Tochter die Aufgaben verstanden hat. Auf meine Frage am Nachmittag, wie es denn lief, bekam ich nur ein betretenes Schweigen.  …und trotzdem wieder mal eine 5 als Note.

Woran es lag? Auf dem Weg zur Schule hatte Sie alles vergessen. Diese Antwort erhielt ich mit einer echten Verzweiflung in der Stimme. Also doch nichts verstanden, denn dann vergisst man es doch nicht in so kurzer Zeit, oder? War ich zu blöd zum Erklären von einfachen, mir durchaus verständlichen Aufgaben? Lag es an meiner Tochter? Oder, oder, oder…?

Mit diesen Fragen beschäftigte ich mich noch ca. 1,5 Jahre, es war keine leichte Zeit. In dieser schwierigen Situation viel mir die Möglichkeit der Rechenschwäche ein. Ich holte mir einen Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum in Magdeburg. Das dauerte ein halbes Jahr, aber dann wusste ich, dass mein Kind kein Mengenverständnis hat. 999 +1 sind eben bei ihr 100 und nicht 1000.

Für mich war diese Diagnose sehr erleichternd. Ich wusste jetzt woran ich war und konnte was tun. Mein erster Weg führte zur Schule. Das war inzwischen schon die Sekundarschule. Das Gespräch war sehr gut. Mir wurde sehr viel Verständnis entgegen gebracht. Kurze Zeit darauf erhielt ich Informationen zu dem Thema von der Lehrerin, die ihrerseits Erkundigungen eingezogen hat. Auch die folgenden MathematiklehrerInnen gaben sich sehr viel Mühe mit meiner Tochter, so dass sie einen erweiterten Realschulabschluss schaffte. Ich weiß, dass ich sehr viel Glück mit den LehrerInnen hatte, hoffe aber mit meinem Beispiel zu ermutigen und zu zeigen, was alles möglich ist, trotz Defiziten.

Inzwischen ist sie 19 Jahre alt und macht zurzeit eine Ausbildung als Grafikdesignerin und schöpft so ihre besonderen Fähigkeiten im kreativen Bereich sehr gut aus. Und das allerwichtigste, ich bin sehr stolz aus sie.

Ich denke die emotionale Seite der Erfahrungen unterscheidet sich nicht von einer Lese- Rechtschreibschwäche.

Viele Grüße Karo Göhner