Umgang mit sexuell missbrauchten Kindern

Wie erleben Kinder sexuellen Missbrauch und was können Erwachsene tun, um den Kindern zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Hier finden Sie einige Anregungen zu diesen Fragen.

Sexueller Missbrauch wird häufig gleichgesetzt mit Vergewaltigung. Aber zwischen Erwachsenen und Kindern sind nicht nur Geschlechtsverkehr, oraler oder analer Sex sexueller Missbrauch, sondern auch alle Handlungen eines Erwachsenen, die er mit der Absicht ausführt, sich sexuell zu stimulieren.

Erleben des Kindes

Kinder, die sexuellen Missbrauch durch vertraute Erwachsene erlebt haben, fühlen sich verwirrt und verraten. Das, was sie erfahren, ist diffus, grenzüberschreitend, unabänderlich. Wenn Kinder Beachtung und Wichtigkeit nur oder überwiegend über sexuellen Missbrauch erfahren, verbindet sich in ihrem Kopf Liebe und Zuneigung mit sexuellen Handlungen und nur damit.

Sexuell missbrauchte Kinder fühlen sich und ihren Körper ausgeliefert. Andere bestimmen und benutzen ihn – nicht sie. Deswegen haben sie häufig Probleme, ihren Körper angemessen wahrzunehmen. Auch ihre Körperempfindungen sind gestört.

Sexueller Missbrauch ist mit einem ungeheuren Geheimnisdruck verbunden. Das Kind darf mit niemanden über seine Erfahrungen sprechen. Dieses Redeverbot wird mit massivster Bedrohung verbunden für den Fall, das es nicht eingehalten wird. So kann das Kind sich keinem anvertrauen. Wenn es doch den Mut dazu aufbringt, erlebt es nicht selten, dass es nicht verstanden oder ihm nicht geglaubt wird.

Häufig hält das Kind den sexuellen Missbrauch auch für normales Elternverhalten. Es kennt und weiß es nicht anders. Jüngeren Kindern fehlen auch die Worte, das Erlebte zu benennen.

Kinder können durch sexuellen Missbrauch dazu gebracht werden, sich hochgradig sexualisiert zu verhalten. So wie sie selbst behandelt worden sind, ohne Achtung ihrer eigenen Grenzen und ihrer eigenen Würde, behandeln sie auch die Menschen, denen sie sich nähern wollen.

Umgang mit dem Kind

Wenn Kinder berichten, sexuell missbraucht worden zu sein, lügen sie in der Regel nicht. Deshalb: Glauben Sie Ihrem Kind! Nehmen Sie Ihr Kind in allen seinen Gefühlen ernst. Für das Kind ist es eine große Hilfe, wenn es seine Gefühle aussprechen kann. Ermuntern Sie Ihr Kind, über das Erlebte zu sprechen. Sie können Ihr Kind durch vorsichtiges Nachfragen dabei unterstützen. Bedenken Sie, dass es für Ihr Kind besonders schwer sein kann, über seine Erlebnisse zu sprechen, wenn die missbrauchende Person Ihnen nahe steht.

Vermeiden Sie „Warum – Fragen“. Ihr Kind kann dadurch den Eindruck gewinnen, dass es schuldhaft beteiligt war. Machen Sie Ihrem Kind keine „Vorwürfe (etwa: „Warum hast Du es mir nicht früher gesagt?“). Sagen Sie Ihrem Kind ganz deutlich, dass es an dem Geschehenen keine Schuld trifft, sondern dass einzig und allein die missbrauchende Person verantwortlich ist und dass ihm Unrecht geschehen ist.

Respektieren Sie es, wenn Ihr Kind emotional anders reagiert als Sie (es kann z. B. sein, dass Ihr Kind der missbrauchenden Person gegenüber auch positive Gefühle hat).

Vermitteln Sie Ihrem Kind Sicherheit und Geborgenheit. Überlegen Sie gemeinsam, was Ihr Kind jetzt besonders braucht, um sich sicher zu fühlen.

Ärztliche Untersuchung

In vielen Fällen ist sexueller Missbrauch medizinisch nicht nachweisbar, da das missbrauchte Kind keine körperlichen Schäden zeigt. Es kann jedoch sein, dass Ihr Kind besorgt darüber ist, ob sein Körper noch „heil“ oder „normal“ ist. In diesen Fällen kann es Ihrem Kind helfen, durch eine ärztliche Untersuchung versichert zu bekommen, dass sein Körper ganz gesund und „in Ordnung“ ist.

Therapie

Nicht jedes missbrauchte Kind braucht eine Therapie. Ob eine Therapie nötig ist, hängt von verschiedenen Bedingungen ab, zum Beispiel von Art, Dauer und Schwere des Missbrauchs und von der allgemeinen Stabilität des Kindes. Ein Umfeld, das dem Kind ausreichende Unterstützung gibt, kann entscheidend zur Bewältigung seiner Erlebnisse beitragen.