Wie Eltern Kindern mit Lernbehinderungen helfen können

Hier finden sie Hinweise auf Schulformen, die Organisation von Eltern mit Kindern, die mit einer Lernbehinderung leben und das Plädoyer, eine frühe Förderung nicht zu unterschätzen.
Im Jahr 2002, erhalten rund 256.000 Schülerinnen und Schüler eine sonderpädagogische Förderung im Bereich Lernen. Von diesen Kindern werden etwa 25.000 in Allgemeinen und die Übrigen in Sonderschulen gefördert, die in den Bundesländern unterschiedliche Bezeichnungen wie Förderschule, Schule für Lernhilfe oder Schule für Lernbehinderte tragen.

Was ist das, was man als Lernbehinderung, Lernbeeinträchtigung oder Lernstörung bezeichnet?

Zunächst eine Klarstellung zur Formulierung: International sowie national nach Inkrafttreten des Sozialgesetzbuches IX sollte die Bezeichnung „Behinderte“ oder „Lernbehinderte“ durch die korrektere Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ bzw. „mit einer Lernbehinderung“ ersetzt werden. Die ist notwendig vor dem Hintergrund eines veränderten Menschenbildes, das sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Nicht die körperliche oder intellektuelle Beeinträchtigung steht im Vordergrund, sondern der gesellschaftliche Auftrag der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.

Begriffsbestimmung: Eine Lernbehinderung oder Lernbeeinträchtigung oder Lernstörung ist eine Eigenschaft, die einem Menschen die Teilhabe an der Gesellschaft erschwert. (vgl. Artikel „Lernbehinderung“). Dabei muss man berücksichtigen, dass es zwischen den Begriffen Behinderung, Beeinträchtigung und Störung in der deutschen Sprache keine klare Abgrenzung gibt. Einige Beispiele, wie eine Lernbehinderung die Teilhabe erschwert:

  • Kinder, die anregungsarm und ohne Ansprache durch die Eltern aufwachsen, haben oft Schwierigkeiten, dem Lerntempo in der Grundschule zu folgen.
  • Jugendliche in der Berufsausbildung schaffen die Abschlussprüfung nicht, da sie die theoretische Prüfung überfordert.
  • Erwachsene Menschen mit Lernbehinderungen erhalten bestimmte Leistungen nicht, da sie die Formulare nicht verstehen oder das Lesen und Schreiben nicht richtig beherrschen.

Eine Lernbehinderung ist also, wie die Beispiele zeigen, nicht etwas, was einen Menschen unwiderruflich prägt. Vielmehr beeinträchtigt sie den Betroffenen meist in den Bereichen Lernen, Schule, Beruf und soziale Eingliederung. Lernbehinderung ist nicht etwas Messbares, sondern kann nur im Zusammenhang mit einer Situation beschrieben werden. Warum lernt ein Kind nicht so gut wie andere?

Ebenso wichtig wie die Bestimmung der Bereiche, in denen ein Mensch „lernbehindert“ ist, ist auch das Ausmaß der Behinderung. Unter den Menschen mit Lernbehinderungen gibt es solche, die erfolgreich einen Beruf erlernt haben und eingegliedert sind. Für diese hat die Lernbehinderung die Bedeutung weitgehend verloren. Es gibt aber auch andere, die so stark beeinträchtigt sind, dass sie Hilfen für die Lebensführung, Wohnen und Freizeit sowie einen Arbeitsplatz in der geschützten Atmosphäre einer Werkstatt für behinderte Menschen benötigen.

Fazit: Wenn Psychologen oder Sonderpädagogen eine „Lernbehinderung“ feststellen, so sagt dies sehr wenig aus. Es ist somit nachzufragen: Welche Leistungen sind möglich? Welche Leistungen sollten mit welcher Förderung erreichbar werden? Bei welchen Anforderungen ist die Person überfordert?

Wie können nun Eltern Kindern mit Lernbehinderungen helfen?

Die einfachste Antwort wäre, das Kind zu akzeptieren und sich an der richtigen Stelle die richtige Hilfe zu holen. Wie schwer dies jedoch ist, davon können fast alle Eltern von Kindern mit Behinderungen berichten. Deshalb sollen hier nun einige Hinweise für die Bereiche Vorschule, Schule, Beruf und Soziales Leben vorgestellt werden.

Frühe Hilfe ist die wirksamste Hilfe!

Mütter von Kindern mit Lernbehinderungen berichten häufig, dass ihnen am betroffenen Kind etwas aufgefallen sei, was bei Geschwisterkindern nicht zu beobachten war: Oft schrieen diese Kinder mehr; sie fingen deutlich später an zu laufen oder zu sprechen, und lernten viele Dinge deutlich langsamer. „Das wächst sich aus“ oder „Nicht jedes Kind ist gleich schnell“ wird dann oft von Verwandten, Kinderärzten oder zur eigenen Beruhigung gesagt.

Es ist außerordentlich wichtig, die körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes aufmerksam zu beobachten und vielleicht darüber Notizen zu machen. Alles, was auffällt im Vergleich mit anderen Kindern, sollte mit dem Kinderarzt besprochen werden. Sollten dessen Antworten nicht befriedigend sein, können sich Eltern an Frühförderstellen oder Sozialpädiatrische Zentren wenden, die es inzwischen überall gibt. Wichtig ist, auf sein Gefühl zu hören und sich bei Schwierigkeiten nicht vertrösten lassen. In der Zeit zwischen Geburt und etwa 7-8 Jahren ist der Mensch am lernfähigsten. Sie bietet deshalb auch die besten Chancen für Förderung und Therapie.

Nicht jeder kann alles lernen, aber jeder kann lernen!
Der Begriff „Lernbehinderung“ wird in der Regel erst im Zusammenhang mit dem schulischen Lernen für solche Kinder verwendet, die den Lernanforderungen der Allgemeinen Schule nicht entsprechen können. Die Lernschwierigkeiten sind nicht kurzfristig, sondern länger andauernd; sie beziehen sich nicht nur auf ein bestimmtes Fach, sondern sind umfänglich, und sie sind schwerwiegend. Bei Kindern, die trotz späterer Einschulung, vielleicht trotz Wiederholung eines Schuljahres dem Unterricht nicht folgen können, sollte eine sonderpädagogische Überprüfung stattfinden.

Es gibt viele Gründe, warum ein Kind in der Schule nicht so lernt, wie es sollte. Einer dieser Gründe kann eine Lernbehinderung sein. Wird diese durch Fachleute (Sonderpädagogen, Psychologen) festgestellt, bedeutet dies immer, dass das Kind ein Recht auf sonderpädagogische Förderung hat. Diese sonderpädagogische Förderung kann, wie es in den meisten Fällen geschieht, in eigenständigen Sonderschulen erfolgen. Etwa zehn Prozent erhalten diese Förderung aber auch an Allgemeinen Schulen wie Grund-, Haupt- oder Gesamtschulen. Die Auswahl des richtigen Lernortes hängt vom örtlichen Angebot ab.

Kinder mit Lernbehinderungen sind oft durch Misserfolgserlebnisse geprägt. Sie sind vielfach Hänseleien und dem Spott ihrer Mitschüler ausgesetzt und haben oft kein Selbstvertrauen und keine Motivation zum Lernen. Sonderpädagogische Förderung heißt, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und bei den Kindern Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit aufzubauen. Dies kann jedoch nur Erfolg haben, wenn die Eltern sich zu ihrem Kind bekennen und es mit seiner Persönlichkeit akzeptieren.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!

„Welchen Beruf kann mein Kind trotz einer Lernbehinderung lernen?“ – eine Frage, die oft schon im Grundschulalter gestellt wird. Auch hierauf gibt es wiederum keine einfache Antwort. Es gibt Jugendliche, die erfolgreich einen Berufsausbildung – gegebenenfalls auch mit Hilfe der Regelungen für Behinderte – durchlaufen und in Betriebe eingegliedert werden können. Bei anderen wiederum stellt sich nach zwei- bis dreijährigen berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen heraus, dass ein Arbeitsplatz in einen Integrationsprojekt oder einer Werkstatt für behinderte Menschen am besten geeignet ist.

Grundsätzlich ist die Bundesagentur für Arbeit und dort, die Berufsberatung für Behinderte, zuständig für die berufliche Eingliederung von Menschen mit Lernbehinderungen. Es gibt eine Reihe von berufsvorbereitenden Maßnahmen und Ausbildungsmöglichkeiten, die im Betrieb oder in Rehabilitationseinrichtungen je nach Erfordernis stattfinden können. Die Kosten der beruflichen Rehabilitation trägt die Bundesagentur. Weitere Auskünfte erteilt das Arbeitsamt vor Ort.

Der Schritt ins selbständige Leben

Selbständigkeit, das eigene Leben organisieren ist ein Ziel, das Betroffene und ihre Eltern verfolgen sollten. Häufig wird dieses Ziel nicht erreicht, weil es keine geeigneten Wohnmöglichkeiten gibt, das Einkommen zu gering ist oder die Organisation des eigenen Lebens überfordert. Ein großer Teil der Erwachsenen mit Lernbehinderungen lebt im Haushalt der Eltern und hat sich nicht den Anforderungen eines selbständigen Lebens stellen können. Erschwerend ist ebenfalls die Isolation: Sie haben nur wenig Freunde, nehmen an wenig Freizeitangeboten teil. Selbständigkeit muss gelernt werden. So schwer es vielen Eltern fällt, sie sollten sich für dieses Ziel einsetzen.

Gemeinsam wird man stärker

Vor über dreißig Jahren wurden die ersten Gruppen von Eltern und Förderern gegründet, um die Lern- und Lebensbedingungen für Menschen mit Lernbehinderungen zu verbessern. Inzwischen haben sich fast 400 Vereine in LERNEN FÖRDERN-Bundesverband zur Förderung Lernbehinderter e.V. und Landesverbänden zusammengeschlossen. Der Verband ist nicht nur eine Lobby für Menschen mit Lernbehinderungen, sondern viele Untergliederungen bieten auch professionelle Hilfen zur Berufs- oder sozialen Eingliederung an. Der Bundesverband gibt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift LERNEN FÖRDERN heraus und unterhält eine Materialstelle mit Sonderdrucken und Veröffentlichungen.

 

Literatur

Ein Verzeichnis der Schriften sowie ein Probeexemplar der Zeitschrift LERNEN FÖRDERN kann bei der unten angegebenen Adresse oder online angefordert werden.

Kanter, G.O. (1999). Lernbehinderung – was ist das? Sonderdruck 03, LERNEN FÖRDERN-Materialstelle

Zelfel, R.C. (1999). Was ist eigentlich „lernbehindert?“, Sonderdruck 04, LERNEN FÖRDERN-Materialstelle

Ziegler, M. (2001). Was bedeutet TEILHABEN für junge Menschen mit Lernbehinderungen? Eröffnungsreferat der Fachtagung teil-haben.de, Humboldt Universität Berlin. Sonderdruck 28, LERNEN FÖRDERN-Materialstelle. Download: http://www.teil-haben.de
Autor: Rudolf C. Zelfel, geb. 1948, Diplom-Psychologe und Bundesgeschäftsführer von LERNEN FÖRDERN-Bundesverband e.V. Ausbildung zum Bankkaufmann, Studium der Psychologie, Erziehungswissenschaften und Nordistik, Tätigkeit in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, Lehrbeauftragter an der Universität Köln für Berufliche Rehabilitation, Mitarbeit in zahlreichen Gremien und Beiräten zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit Lernbehinderungen.

 

Adressen:

Rudolf C. Zelfel
Ohmstr. 4
D-50677 Köln
Email: rudolf.c.zelfel@gmx.de

LERNEN FÖRDERN-Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Lernbehinderungen e. V.
Rolandstr. 61
D-50677 Köln
Tel.: 0221/380666
Fax: 0221/385954
Website: http://www.lernen-foerdern.de
Email: post@lernen-foerdern.de