Was ist eigentlich Behinderung?

Pflegeeltern werden mit den Beeinträchtigungen der ihnen anvertrauten Kinder konfrontiert, mit Diagnosen aber auch mit Zuschreibungen. Folgender Text kann helfen, sich im Dschungel der Definitionen zurecht zu finden.

 

Die Vielseitigkeit des Begriffs „Behinderung“?

Es wird mir sicherlich nicht gelingen, an dieser Stelle den Begriff  „Behinderung“ in allen seinen Dimensionen vollständig zu definieren. Jedoch möchte ich versuchen verschiedene Definitionen zu erwähnen und zu zeigen, wie vielschichtig der Begriff ist.

Die einzelnen Definitionen für das Wort Behinderung sind im internationalen Rahmen sehr verschieden. So kann die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation) WHO (externer Link) nur versuchen eine grobe Definition vorzunehmen.

Die WHO geht bei Behinderung immer von 3 Begriffen aus:

  1. impairment (Schädigung) = Mängel oder Abnormitäten der anatomischen, psychischen oder physiologischen Funktionen und Strukturen des Körpers
  2. disability (Beeinträchtigung)= Funktionsbeeinträchtigung oder -mängel aufgrund von Schädigungen, die typische Alltagssituationen behindern oder unmöglich machen
  3. handicap (Behinderung)= Nachteile einer Person aus einer Schädigung oder Beeinträchtigung

Auch im nationalen Rahmen gibt es die vielfältigsten Ansätze zur Definition des Begriffs „Behinderung“.
Ulrich Bleidick, Hochschullehrer im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, definierte den Begriff  „Behinderung“ folgendermaßen: „Als behindert gelten Personen, welche infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, seelischen oder geistigen Funktionen soweit beeinträchtigt sind, daß ihre unmittelbaren Lebensverrichtungen oder die Teilnahme am Leben der Gesellschaft erschwert wird.“

Er unterscheidet somit zwischen einer Schädigung und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Beeinträchtigung. Oftmals ist es jedoch schwer eine Schädigung nachzuweisen oder es liegt keine solche vor , jedoch der Mensch kann gesellschaftlich behindert sein (z. B. bei einigen Lernbehinderten). So kann eine gesellschaftliche Norm in einer Behinderung resultieren.

Deshalb definierte Urs Haeberlin, Hochschullehrer an der Universität Freiburg, Schweiz, die Behinderung folgendermaßen:

  1. Behinderung kann als Beeinträchtigung eines Individuums im Verhalten, das zur Bewältigung des Alltagslebens erforderlich ist, verstanden werden. Beispielsweise ist ein Rollstuhlfahrer in seinen Möglichkeiten der Fortbewegung behindert, oder ein Lernbehinderter ist in seinen Möglichkeiten zum Schreiben und Rechnen behindert.
  2.  Behinderung kann als Beeinträchtigung des Funktionierens einer gesellschaftlichen Einrichtung durch ein Individuum verstanden werden. Beispielsweise beeinträchtigt der Rollstuhlfahrer das Funktionieren von öffentlichen Verkehrsbetrieben, oder der Lernbehinderte stört den Betrieb der Normalklasse.“ 2
    Also Bedingungen und Erwartungen einer Gesellschaft können zu Beinträchtigungen und Benachteilungen führen.

Um z. B. bestimmte finanzielle Erleichterungen in Anspruch nehmen zu können, müssen sich Menschen mit Behinderungen erst stigmatisieren lassen durch die Gesellschaft. So kann man im Bundessozialhilfegesetz (BSHG) § 124 Abs. 4, Satz 1-4 folgendes über die Behinderung lesen: „…eine nicht nur vorübergehende erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit, die auf dem Fehlen oder auf Funktionsstörungen von Gliedmaßen oder auf anderen Ursachen beruht…Weiterhin liegen Behinderungen bei einer nicht nur vorübergehenden erheblichen Beeinträchtigung der Seh-, Hör-, und Sprachfähigkeit und bei einer erheblichen Beeinträchtigung der geistigen oder seelischen Kräfte vor.“ Auch in diesem Fall wird also nicht auf die gesellschaftliche Dimension des Behindertenbegriffes eingegangen sondern nur auf die Schädigungen.

Behinderung ist aber auch ein Prozeßbegriff, da eine Behinderung verschwinden kann, z.B. durch eine gelungene Operation oder durch entsprechende pädagogische Förderung. Es kann aber auch durch einen Unfall zu einer Behinderung kommen oder bei fortschreitenden Erkrankungen oder unzureichender Förderung, die Behinderung schwerwiegender werden.

Ein Mensch mit Behinderungen ist jedoch nicht in allen Bereichen des sozialen Lebens gleich behindert. In seiner Familie kann er mit entsprechender Akzeptanz und Einfühlungsvermögen ein Leben ohne jede Behinderung führen, jedoch in Schule oder Beruf behindert werden. Selbst in einzelnen Lebenssituationen kann die Behinderung eine mehr oder weniger große Rolle spielen.

Der Begriff „Behinderung“ ist also sehr komplex und dient oft nur zur Vereinfachung, um eine bestimmte Zielgruppe für medizinische, pädagogische oder gesellschafltliche Interventionen durchführen zu können. Dabei können die jeweiligen Behinderungen von den verschiedenen Spezialisten auch unterschiedlich beurteilt werden.

In der Medizin gibt es zum Beispiel noch keine eindeutige Definition. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation formuliert es folgendermaßen: „Es handelt sich hier um einen im anatomisch-physiologischen Bereich anzusiedelnden, vielschichtigen und gegen die verschiedenen benachbarten Bereiche nicht immer leicht abzugrenzenden Sammelbegriff. Zu der Feststellung dieser relativen Unschärfe des Begriffes ‚Behinderung‘ kommt die Tatsache hinzu, daß der Terminus nicht ausreicht, um die Gesamtheit der hier angegebenen Sachverhalte zu erfassen und die verschiedenen Ebenen aufzuzeigen, in denen ‚Behinderung‘ wirksam wird.“

In der Pädagogik gelten laut der Empfehlung der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates alle Kinder , Jugendliche und Erwachsene als behindert, „..die in ihrem Lernen, im sozialen Verhalten, in der sprachlichen Kommunikation oder in den psychomotorischen Fähigkeiten soweit beeinträchtigt sind, daß ihre Teilnahme am Leben in der Gesellschaft wesentlich erschwert ist. Deshalb bedürfen sie besonderer pädagogischer Förderung. Behinderungen können ihren Ausgang nehmen von Beeinträchtigungen des Sehens, des Hörens, der Sprache, der Stütz- und Bewegungsfunktionen, der Intelligenz, der Emotionalität, des äußeren Erscheinungsbildes sowie von bestimmten chronischen Krankheiten. Häufig treten Mehrfachbehinderungen auf…“

Viele Berufsgruppen müssen noch eine Kategorisierung des Begriffes vornehmen. Es gibt Kategorisierungen nach:
1. Ursachen
Also wodurch kam es zu dieser Behinderung. Dies ist wichtig für Nachteilsausgleiche und ähnliches.

  • angeboren
  • Unfall
  • Wehrdienst-/Kriegsbeschädigung
  • sonstige Ursachen
  1. Arten der Behinderung
    Im deutschen Sprachraum wird der Begriff Behinderung noch aufgeteilt in folgende Untergruppen:
  • Geistige Behinderung
  • Hörschädigung (Gehörlosigkeit + Schwerhörigkeit)
  • Körperbehinderung
  • Lernbehinderung
  • Mehrfachbehinderung
  • Schwerbehinderung
  • Schwerstbehinderung
  • Sehschädigung (Blindheit + Sehbehinderung)
  • Sprachbehinderung
  • Verhaltensstörung

In vielen anderen Ländern ist diese Aufteilung nicht so differenziert, oft wird nur von körperlich und geistig Behinderten gesprochen.

  1. Folgen
    Also welche Folgen resultieren aus der Behinderung. Dies ist besonders wichtig für die Berufsgruppen , die mit diesen Menschen arbeiten.
  • Sonderschulbedürftigkeit
  • Hilflosigkeit
  • Wohnbehinderung
  • Rehabilitationsbedürftigkeit

Behinderungen können, egal wie schwer sie sind, subjektiv sehr unterschiedlich erlebt werden.
Desweiteren ist es noch wichtig zu wissen, daß sich der Begriff der Behinderung im Laufe der Geschichte der Menschheit erst entwickelte und auch ständig weiteren Entwicklungen ausgesetzt ist, da sich Betroffene stigmatisiert fühlen und Menschen die mit Behinderten arbeiten ihn auch nicht länger akzeptieren.
Inhaltsverzeichnis

1 Ulrich Bleidick u.a., Einführung in die Behindertenpädagogik Bd I, 1977, S. 9
2 Haeberlin, 1985, S.
3 Bundessozialhilfegesetz (BSHG)
4 Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, 1984, S.4
5 Deutscher Bildungsrat, Empfehlung der Bildungskommission, 1973, S.13