Sexualität bei geistig behinderten Jugendlichen und Erwachsenen – eine Selbstverständlichkeit?!

Dieser Artikel informiert sie über den Umgang mit der Sexualität von Menschen mit Behinderungen. Es werden durchaus gerade die heiklen Fragen aufgenommen!

Leitideen

In der Zusammenarbeit mit geistig behinderten Menschen und ihren Familien haben sich die Einstellungen zur Gleichberechtigung – und damit auch zur gelebten Sexualität als Menschenrecht für alle – in den letzten Jahren zum Positiven verändert. Viele Eltern bejahen diese Entwicklung und möchten ihre Kinder auf dem Weg in möglichst selbst bestimmtes Leben – auch im sexuellen Bereich – unterstützen.

Wie aber kann diese Unterstützung aussehen und wie weit geht die Selbstbestimmung? Bei Themen wie Verhütung, Kinderwunsch oder Elternschaft fällt es mitunter schwer, die sexuelle Selbstbestimmung von Söhnen und Töchtern mit geistiger Behinderung uneingeschränkt zu bejahen. Und wie ist es bei Menschen mit sehr schweren Beeinträchtigungen? Haben auch sie sexuelle Bedürfnisse und können auch sie diese befriedigen?

So sehr die emanzipatorische Entwicklung zu begrüßen ist – die noch relativ neue Offenheit bringt auch Fragen und Bedenken mit. Diese zeigen sich z.B. in vermehrten Anfragen von Eltern nach Beratung und Information. Die Familienangehörigen wollen mehr wissen über Sexualität und psychosexuelle Entwicklung im Zusammenhang mit der Behinderung, insbesondere wenn die Kinder in die Pubertät kommen oder schon erwachsen sind. Sie wünschen sich Hilfe bei Problemen, die oft gerade in dieser Zeit entstehen und manchmal das Zusammenleben erschweren. Eltern möchten wissen, wie sie sich verhalten sollen. Doch Patentlösungen gibt es nicht.

Der Umgang mit Sexualität ist sehr individuell und wird von dem geprägt, was jeder von uns gelernt hat, wie jeder von uns darüber denkt und wie wir meinen, dass andere darüber denken. Hinzu kommen immer noch gesellschaftliche Vorurteile gegenüber der Sexualität von Menschen mit Behinderung – und diese rufen Verunsicherungen hervor. Neben der Auseinandersetzung mit den eigenen Ansichten und Erwartungen werden Eltern von Kindern mit Behinderung häufig noch mit dem Unverständnis oder der Ablehnung aus dem näheren oder weiteren Lebensumfeld konfrontiert.

Mitunter haben Eltern Sorge, dass die Suche ihrer (erwachsenen) Töchter und Söhne nach Zärtlichkeit und Liebe zu Enttäuschungen führt oder Gefahren mit sich bringt, die sie nicht überschauen können. Aus einem Gefühl der Verantwortung heraus treffen sie Entscheidungen für ihre Kinder und halten sie so ungewollt in Unselbständigkeit, während sie in anderen Lebensbereichen alles tun, um die Selbständigkeit zu fördern und zu unterstützen. Wir alle aber lernen durch Erfahrung – und nicht durch Verbot oder Kontrolle.

Eltern mit behinderten Angehörigen erleben auch, dass ihre Kinder, die in der Familie einen offenen Umgang mit Sexualität gewohnt sind, in der Schule, in der Wohneinrichtung oder am Arbeitsplatz Probleme bekommen, weil dort diese Offenheit nicht gewünscht ist. Es gibt mitunter Konflikte, wenn die Einstellungen und Meinungen zu sexuellen Themen zwischen den Mitarbeiter/innen und den Eltern auseinander gehen. Oft ist es schwierig, Umgangsweisen auszuhandeln, mit denen alle einverstanden sind.

Besonders herausgefordert sind Eltern mit sehr schwer behinderten Kindern, da sie vielerorts erfahren, dass ihre Anliegen noch zu wenig thematisiert werden. Das gilt auch für die Sexualität und sexuellen Bedürfnisse im Speziellen, die den Menschen mit besonders hohem Hilfebedarf häufig noch abgesprochen werden. Gerade diese Menschen aber brauchen besondere Feinfühligkeit ihrer Umwelt, sensible Interpretation ihrer Bedürfnisäußerungen und Verhaltensweisen und vor allem Kreativität, wenn es um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht.

Was beschäftigt Eltern ganz besonders?

Aus Familienseminaren, Informations- und Elternabenden werden insbesondere folgende Rückmeldungen gegeben:

  • Überwiegend sind es die Mütter, die solche Gesprächsrunden besuchen; die Väter sind deutlich in der Minderheit.
  • Zu eher anonym angelegten Informationsveranstaltungen (wie Vortragsabende) kommen auch Eltern, die es schwierig finden, das Erwachsenwerden und die sexuelle Selbstbestimmung ihrer Kinder zu akzeptieren. Sie sind eher skeptisch im Sinne von: „Wir wollen keine schlafenden Hunde wecken…“ Durch den Austausch mit anderen Eltern, durch Informationsvermittlung und individuelle Beratung wird es leichter, sich auf die Sexualität der eigenen Kinder einzustellen.
  • Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder – ob behindert oder nicht – ein glückliches Leben führen. Dazu gehören für die meisten auch gelebte Sexualität und Partnerschaft. Doch möchten viele die möglichen Folgen von Sexualität verhindert wissen und sichergehen, dass es nicht zu einer Schwangerschaft kommt, um nicht eventuell noch Enkelkinder aufziehen zu müssen.
  • Eltern von Jungen bringen vor allem Fragen zu sexuell auffälligem Verhalten in der Öffentlichkeit mit, wie Selbstbefriedigung und auch übergriffiges bzw. gewalttätiges Verhalten der Söhne. Zunehmend wird nach sexueller Assistenz gefragt.
  • Für Eltern von Mädchen sind Verhütung, Sterilisation und (ungewollte) Schwangerschaft besonders wichtige Themen. Manche äußern ihren Unmut, dass sie über eine Sterilisation ihrer Tochter nicht mehr frei entscheiden dürfen. Auch die unbefangene Kontaktaufnahme mancher Mädchen und die Angst, dass ihre Töchter zu Opfern sexueller Gewalt werden könnten, beschäftigen die Eltern.
  • Eltern erfahren mitunter noch zu wenig Respekt für das, was sie leisten, und für das, was sie sich im Laufe der Jahre an Fachkompetenz im Umgang mit Menschen mit Behinderung angeeignet haben. Stattdessen erleben sie, dass sie in der heutigen Gesellschaft im Zusammenleben mit einem behinderten Kind immer noch Gefahr laufen, an den Rand gedrängt zu werden. Mitunter gehört hier auch die Erfahrung dazu, von Mitarbeiter/innen in Einrichtungen und Diensten nicht als gleichberechtigte Partner auf gleicher Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Eine solche Zusammenarbeit aber ist auch beim Thema „Sexualität“ erforderlich.

Damit Sexualität gelebt werden kann…

Während noch vor einer Generation von den meisten Fachleuten behauptet wurde, sexuelle Bedürfnisse dürften sich bei Menschen mit geistiger Behinderung überhaupt gar nicht erst entfalten, sonst seien sie nicht mehr zu kanalisieren und zu beherrschen, denkt heute kaum noch jemand so. Stattdessen wird nunmehr häufig behauptet, Menschen mit geistiger Behinderung blieben eigentlich immer Kinder, und das gelte gerade auch für ihre sexuellen Bedürfnisse: Sie wünschten körperliche Nähe und Zärtlichkeit, aber nicht Sexualität im engeren Sinne.

Mitunter mag dies zutreffen – wie übrigens für Menschen, die sich nicht behindert nennen, auch. Allgemein aber gilt: Menschen, die wir geistig behindert nennen, sind ebenso verschieden und auch in ihrer Sexualität so einmalig geprägt wie alle anderen Menschen. Den typischen Menschen mit geistiger Behinderung gibt es nicht, und auch zur Sexualität kann letztlich nichts ausgesagt werden, was für alle gleichermaßen gilt. Forschungsergebnisse belegen jedoch ohne Wenn und Aber: Die sexuelle Entwicklung ist für Menschen mit geistiger Behinderung ebenso bedeutungsvoll wie für jeden anderen Menschen.

Mangelnde sexuelle Bedürfnisäußerungen und Interessen bergen die Gefahr, dass eine Persönlichkeit in ihrer Entwicklung gefährdet oder auch empfindlich gestört wird. Sexuell unterdrückte Menschen mit geistiger Behinderung fallen beispielsweise durch häufige Aggressionen und Verstimmungen auf, die von rasch aufkommender Resignation bis zu tiefen Depressionen reichen können.

Alle Menschen, ob behindert oder nicht und losgelöst von Art und Form der Behinderung, können ihre Persönlichkeit dann am besten entfalten, wenn die sexuellen Fähigkeiten von Geburt an unterstützt und gefördert werden. Dazu ist eine besondere Begleitung erforderlich, denn die Sexualität ist nicht angeboren und entwickelt sich nicht von selbst.

Wie entwickelt sich Sexualität?

Die sexuelle Entwicklung verlangt – wie andere Entwicklungsbereiche auch – Anregung und Übung. Wer allzu selten Zärtlichkeit empfängt, der lernt auch nicht zärtlich zu sein; sein Körper wird für sexuelle Reize nicht empfindsam. Es kommt also vor allem auf die liebevollen zärtlichen Körperkontakte an, auf die bereits Babys mit Reaktionen des Wohlfühlens reagieren.

Eltern von Kindern, die geistig behindert sind, berichten, wie enttäuscht sie mitunter waren, dass sie diese freudvollen Reaktionen ihres kleinen Kindes so nicht erleben konnten. Sie glauben deshalb, dass das Kind das Streicheln gar nicht merkt und nichts davon hätte, wenn es Zärtlichkeit empfängt. So ist es verständlich, wenn zärtliche Zuwendungen gegebenenfalls nach einiger Zeit knapper, weniger vielseitig und weniger intensiv ausfallen. Fehlende Reaktion birgt die Gefahr, dass gemeinsames Miteinander (die Interaktion) unterbrochen wird bzw. nicht störungsfrei verläuft.

Wir wissen aber gerade auch von Menschen mit geistiger Behinderung, dass sich körperliche und sexuelle Fähigkeiten zumeist langsamer entwickeln als bei anderen Menschen. Sie sind also nicht unempfindsam, sondern sie brauchen mehr ausgeprägte Zuwendung, damit ihre Empfindungsfähigkeit geweckt wird – und es dauert eben auch häufig länger, bis angenehme Empfindungen wahrgenommen und schließlich mit lustvollen Reaktionen beantwortet werden können.

Deshalb sind Eltern sehr herausgefordert, herauszufinden, was ihre Kinder mit Behinderung gerne mögen, was ihnen gut tut und was sie fördert. Viel Geduld ist dazu nötig, Zeit für ausgiebiges Baden und für Körpermassagen – Zeit dafür, nach dem Baden und Massieren nicht gleich in die Windel gepackt zu werden, sondern Zeit zu bekommen, am Körper herumspielen zu können, sich zu empfinden und den Körper im wahrsten Sinne des Wortes begreifen zu lernen.

Kinderfreundschaften

Viele Kinder kommen heute erst im Kindergarten mit Gleichaltrigen in größerer Zahl zusammen. Hier erst können sie andere Kinder genauer kennen lernen und sie zumindest manchmal auch nackt sehen.

In vielen Tageseinrichtungen für Kinder gibt es heute Rückzugsmöglichkeiten wie Zelte, Häuschen oder Hochsitze, wo sie ungestört „Doktor“ und „Vater-Mutter-Kind“ spielen können. Manchen Kindern mit einer geistigen Behinderung fällt erst jetzt auf, dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Geschlechtsorgane haben. Sie brauchen hierfür Erklärungen, auch wenn sie keine Fragen stellen oder wegen sprachlicher Handicaps nicht fragen können.

Zu Hause und in ihrer Freizeit sind Kinder, die geistig behindert sind, gegenüber anderen Kinder allein schon dadurch benachteiligt, dass sie nicht so selbständig und mobil sind wie andere und von daher Kontakte zu Gleichaltrigen deutlich weniger gestalten können. Weil sie darüber hinaus häufig sehr intensiv begleitet werden (durch nahe Bezugspersonen wie die Eltern bzw. Mitarbeiter/innen), sind geistig behinderte Kinder auch sehr viel seltener unkontrolliert als Gleichaltrige ohne Behinderung.

Umso wichtiger ist es, dass zielgerichtet Gelegenheit dafür geboten wird, auch unbeobachtet zusammen zu sein, sich auszuprobieren und voneinander zu lernen – gerade auch im Körperlichen und Sexuellen. Dabei ist letztlich nur darauf zu achten, dass die Kinder sich nicht gegenseitig wehtun, sorgfältig mit Grenzziehungen umgehen und lernen zu erkennen, was sie selbst wollen. Dazu brauchen sie mitunter die Unterstützung aus der Erwachsenenwelt.

Häufig finden Kinder ihre ersten Freundschaften in der Nachbarschaft. Bei Kindern mit Behinderung ist das oft anders. Sie schließen Freundschaften zumeist in den Einrichtungen, die sie tagsüber besuchen und aus denen sie mittags oder nachmittags wieder abgeholt werden. Die Kontaktpflege ist gewöhnlich dadurch erschwert, dass die Kinder recht weit voneinander entfernt wohnen. Es hat sich deshalb sehr bewährt, wenn Eltern sich anfreundender oder befreundeter Kinder miteinander Kontakt aufnehmen, sich verabreden und ihre Kinder möglichst oft „zusammenbringen“. Oft erleben Eltern dann, dass auch Kinder mit Beeinträchtigungen gemeinsame Ideen entfalten, gerne und kreativ etwas miteinander unternehmen, wenn man sie denn nur lässt – und das sie zudem auch zu tief empfundenen, lang dauernden Beziehungen fähig sind!

Besuche und auch Übernachtungen bei dem Freund oder der Freundin sind im Kindesalter für die Eltern weniger problembelastet als später im Jugendalter. Das Kennenlernen einer anderen Familie oder einer anderen Wohnung, das Vertrautwerden mit anderen Lebensgewohnheiten und Umgangsformen weitet den Lebenshorizont. Soziale Fähigkeiten, die für den Umgang mit Menschen außerhalb der eigenen Familie wichtig sind, werden entwickelt.

Was macht ihr Sohn denn da?!

Unter diesem Titel stellt eine engagierte Mutter und Journalistin, Ilse Achilles, ihr Buch zum Thema geistige Behinderung und Sexualität vor (Achilles 2002). Viele Eltern von Kindern mit Behinderung würden der Sexualerziehung gerne die gleiche Aufmerksamkeit widmen wie der Förderung der Motorik, Sensorik oder Sprache, wenn sie nicht die Angst hätten, dass ihr Kind in der Öffentlichkeit das Gelernte ungeniert vorzeigt. Mit Schrecken denken sie daran, was alles passieren könnte, wenn ihr Kind sich im Bus plötzlich in die Hose greift und zu masturbieren beginnt.

Mitunter trauen Eltern ihren Erziehungsfähigkeiten zu wenig, und sie unterschätzen ihre Kinder. Dabei gibt es soviel Positives wahrzunehmen und zu berichten! Eltern haben mit den Kinder zusammen entwickelt, dass die Hose wenigstens tagsüber trocken und sauber bleibt, dass in der Öffentlichkeit nicht in der Nase gepopelt wird, dass zur Begrüßung die rechte Hand gegeben wird u.v.a.m. So lässt sich auch vermitteln, dass Öffentlichkeit und Intimbereich unterschiedliche Verhaltensweisen verlangen. Kinder wissen, dass es Regeln gibt, die nicht überall gleiche Geltung haben. Diesen Kindern fällt es verhältnismäßig leicht, dann auch zu lernen, in der Öffentlichkeit das Schamgefühl anderer Menschen zu respektieren – wir müssen es nur wiederholt erklären.

Für das Leben in der Öffentlichkeit gilt, dass sich Eltern innerlich gegen den schnellen Anflug von schlechtem Gewissen zur Wehr setzen, wenn sich jemand über ihr Kind beschwert. Damit geht auch die Rollenübernahme des strafenden Aufpassens einher. Eine angemessene Reaktion könnte beispielsweise sein: „Ich verstehe, dass Sie sich beschweren. Wissen Sie: Jana (oder Jonas oder…) ist geistig behindert und muss noch viel lernen. Sie helfen aber sehr, wenn Sie meinem Kind selbst sagen, was Ihnen nicht passt. Das wirkt einfach beeindruckender und nachhaltiger“ (vgl. Pro Familia 1998).

Pubertät

Mitunter denken Eltern mit einigem Schrecken an die Pubertät ihrer Kinder zurück. Tröstlich für Eltern von Kindern mit Behinderung: Eigenwilligkeit, Trotz, heftige Auseinandersetzungen mit Mutter oder Vater, Nachlässigkeiten bei der Körperhygiene und der Kleidung, seltsame Geschmacksverirrungen u.v.a.m. sind keineswegs auf Jugendliche mit Behinderung beschränkt, sie sind vielmehr typisch für alle Pubertierenden.

Im Allgemeinen werden vom üblichen Schema abweichende körperliche Entwicklungen bei Menschen mit geistiger Behinderung nicht beobachtet. Nur bei wenigen und selten vorkommenden Behinderungsformen bleibt die genitale Sexualität unterentwickelt. Während also die körperliche Entwicklung im Allgemeinen altersentsprechend verläuft, ist die seelisch-geistige Entwicklung häufig verlangsamt. Die körperliche Reife entspricht nicht der Entwicklung und den Möglichkeiten der intellektuellen Verarbeitung.

Keineswegs können wir daraus schließen, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht fähig seien, ihre sexuellen Antriebe und Wünsche zu kontrollieren und zu beherrschen. Vielmehr gilt umgekehrt: Sie brauchen länger, bis sie nachempfinden und verstehen, was ihnen sexuell möglich wäre. Im Übrigen stimmen alle Untersuchungen darin überein, dass es bei Menschen mit geistiger Behinderung keine „übersteigerte Triebhaftigkeit“ gibt.

Alle Sorgen und Befürchtungen – ob bei Mitarbeiter/innen oder den Eltern – lassen meist außer Acht, dass die Pubertät gerade auch für Menschen mit geistiger Behinderung eine große Chance ist. „Triebstau“ und innere Beunruhigung können nämlich dazu führen, dass sexuelle Befriedigungsmöglichkeiten entdeckt werden und womöglich zu einem anderen Menschen ein Verhältnis der Zuneigung, vielleicht sogar der Liebe entsteht. Damit ist meist eine erstaunliche Nachreife der gesamten Persönlichkeit verbunden.

Probleme im Jugendalter

Aufklärung ist ein Thema, das für Eltern mit behinderten wie auch mit nicht behinderten Jugendlichen gleichermaßen ein Problem ist. Mit am wichtigsten scheint, dass Mädchen wie Jungen entwicklungsangemessen über ihre körperlichen Veränderungen in der Pubertät informiert werden. Ob Monatsblutung oder Samenerguss – möglichst sollte darüber aufgeklärt werden, bevor diese Ereignisse eintreten. Positiv wirkt sich jetzt aus, wenn Jugendliche nicht schamhaft erzogen worden sind. Das Miteinanderreden über Tampons, über Binden oder über Papiertaschentücher für die „Entsorgung“ des Samenergusses fällt dann ungleich leichter.

Es kann nicht häufig genug betont werden, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Mitarbeiter/innen in Einrichtungen und Diensten gerade auch in dieser Lebensphase ist. Die Hauptamtlichen brauchen Informationen aus dem Elternhaus über den Stand der Aufgeklärtheit und über den Kommunikationsstil zu Hause, damit den Pubertierenden fair begegnet werden kann.

Selbstbefriedigung

Die meisten nichtbehinderten Jungen und viele Mädchen masturbieren. Eine Befragung zum Verhalten von Jugendlichen mit Down-Syndrom ergab, dass etwa die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen sich selbst befriedigen. Die Jugendlichen sollten im Rahmen der Sexualerziehung ein angemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit und in den Gemeinschaftsräumen bzw. in der Wohnung lernen. Wenn sie beim Masturbieren Privatheit nicht beachten, können Missverständnisse und eigentlich vermeidbare Schwierigkeiten entstehen. Es wird zwar allgemein akzeptiert, dass Selbstbefriedigung normal ist und individuell positive Auswirkungen hat, aber es wird erwartet, dass solches Verhalten eben nicht öffentlich stattfindet und damit „stört“.
So kann Selbststimulation auch eine Folge von Langeweile sein oder auf einen Mangel an Zuwendung hinweisen.

Manche Menschen mit geistiger Behinderung entwickeln neben der Selbstbefriedigung keine anderen Befriedigungsformen. Sie haben nie Geschlechtsverkehr. Es gibt keinen Grund, dies nicht zu akzeptieren. Selbstbefriedigung ist weder unmoralisch noch schädlich; sie verschafft Lust und trägt zur Ausgeglichenheit bei.

Umgang mit Anderen

Sexualerziehung beginnt nicht mit dem Einsetzen der Pubertät, sondern ist im gesamten Kindesalter ein wichtiger Aspekt der Erziehung. Die vielfältigen, vorwiegend familiären Erfahrungen mit Zärtlichkeiten und Berührungen, mit Ausdruck von Freude und Zuneigung sowie Zuwendung bei der körperlichen Pflege bieten Kindern eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung ihrer Einstellung zum eigenen Körper. Die Kinder erleben unterschiedliche Verhaltensweisen im Privatbereich und in der Öffentlichkeit. Sie erleben andere Begrüßungs- und Umgangsformen zwischen Verwandten, Freunden und Fremden.

Auch das Einhalten von Konventionen und Regeln sowie korrekte sprachliche Bezeichnungen für den Intimbereich müssen vermittelt werden. Dabei brauchen Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung einfühlsame Unterstützung nicht nur von ihren Eltern, sondern gleichfalls von den Pädagog/innen in dem Sinne, dass „richtiges Verhalten“ im privaten Bereich und in der Öffentlichkeit zu besprechen und zu üben ist. Etta Wilken beschreibt in ihrem Informationsbuch zum Down-Syndrom eine nette Episode: „Ein junger Mann, der mollige Frauen mit großem Busen liebt, strahlte in der Straßenbahn eine Frau an: ‚Hm, schöner Busen, lecker, lecker‘. Er sprach aus, was andere in seinem Alter zwar denken, aber nicht laut sagen. Die unangenehme Situation für die ihn begleitende Mutter kann man sich vorstellen…“ (Wilken 2004).

Es ist deshalb wichtig, die Lernziele für angemessenes Verhalten in verschiedenen Alltagssituationen klar zu formulieren und sie dem Heranwachsenden seinen Fähigkeiten entsprechend zu vermitteln. Klare sprachliche Bezeichnungen erleichtern es dem Jugendlichen, Unterscheidungen vorzunehmen und sein Verhalten durch das Wiederholen und Einprägen von Begriffen zu steuern. So kann zusammen mit dem Jugendlichen eine Unterscheidung vorgenommen werden zwischen „Intimbereich“ (oder Ich-Bereich) und „Öffentlichkeit“ (oder Fremd-Bereich). Auf diese Weise können wir Jugendlichen mit Behinderung Hilfestellungen geben, verschiedenen Alltagssituationen zu begegnen und angemessenes Verhalten einzuüben: Menschen in der S-Bahn beispielsweise oder im Wartezimmer beim Arzt sind zunächst einmal Fremde, die nicht mit Handgeben begrüßt oder umarmt werden. Ein Begrüßungskuss erhalten nur diejenigen Personen, die zur Familie oder zum Kreis der Freunde gehören.

Bei diesem Kennenlernen von notwendiger Distanz, aber auch dem Gestalten von Nähe, muss auf eine zusätzliche Hürde hingewiesen werden. Immer wieder fällt auf, wie distanzlos und undifferenziert häufig noch mit Menschen, die wir geistig behindert nennen, umgegangen wird. Sie können beispielsweise noch so alt sein, sie werden zumeist wie selbstverständlich geduzt. Wie sollen Menschen mit geistiger Behinderung dann einen Umgang lernen, der personen- und situationenangemessen ist, wenn ihnen selbst so wenig achtungsvoll begegnet wird?

Sexuelle Beziehungen

Geistig behinderte Mädchen und Jungen, die gelernt haben, sich selbst zu befriedigen, sind im Allgemeinen zum Geschlechtsverkehr fähig. Sie fangen auch am ehesten an, intimere Kontakte mit Gleichaltrigen zu suchen. Dabei können auch gleichgeschlechtliche Beziehungen entstehen. Es ist sicher davon auszugehen, dass Homosexualität und Heterosexualität unter Menschen mit geistiger Behinderung ähnlich häufig vorkommen wie in der Gesamtbevölkerung. Viele Eltern kommen gut damit zurecht, weil sie froh sind, dass ihre Tochter oder ihr Sohn eine stabile sexuelle Beziehung gefunden hat. Eltern, die Schwierigkeiten damit haben, sollten keine Scheu haben, sich an Beratungsstellen wie beispielsweise Pro Familia zu wenden.

Schwangerschaftsverhütung

Zumeist ist nicht zu erwarten, dass es schon recht bald nach Beginn der Pubertät zum ersten Geschlechtsverkehr kommt. Menschen mit geistiger Behinderung freuen sich im Allgemeinen recht lange Zeit an Zärtlichkeiten, Umarmungen und Aneinandergeschmiegtsein. Wenn es dann soweit ist, dass auch genitale Kontakte erprobt werden, dann sollten sie wissen, was sie tun können, um eine Schwangerschaft auszuschließen.

Wir können zumeist davon ausgehen, dass Menschen, die gelernt haben, einen Geschlechtsverkehr zu vollziehen, auch in der Lage sind, für eine Schwangerschaftsverhütung zu sorgen. Dabei sind Mädchen mit geistiger Behinderung in der Regel erstaunlich zuverlässig. Allerdings brauchen sie eine Erinnerungsstütze, wenn z.B. die Pille eingenommen werden soll: Die Packung sollte stets an derselben auffälligen Stelle liegen. Und sie brauchen eine Ansprechpartnerin, der sie vertrauen können, wenn sie einmal Rat und Hilfe brauchen, z.B. wenn vergessen wurde, die Pille einzunehmen.

Die jeweilige Methode zur Verhütung einer Schwangerschaft muss sorgfältig geprüft und ausgewählt werden. Hier kann Fachliteratur hilfreich sein (vgl. Literaturhinweise). Unbedingt sollte eine Fachärztin oder ein Facharzt zu Rate gezogen werden. Es muss berücksichtigt werden, ob Belastungen durch Krankheiten vorliegen und welche Medikamente (z.B. Antiepileptika) eingenommen werden.

Grundsätzlich sind alle Methoden der Schwangerschaftsverhütung möglich. Gleichwohl sind die Gegebenheiten beim einzelnen Menschen zu berücksichtigen, und vor allem ist auch auf eine Beratung hinzuweisen.

Sterilisation

Das am 1.1.1992 in Kraft getretene Betreuungsgesetz regelt auch die Sterilisation, die nur unter genau beschriebenen Bedingungen zugelassen wird. Hier die wichtigsten Eckpunkte:

  • Zwangssterilisation und Sterilisation Minderjähriger ist verboten.
  • Sterilisation ist grundsätzlich nur zulässig, wenn die betreffende Person selbst einwilligt.
  • Die Sterilisation einwilligungsunfähiger Menschen ist sehr erschwert (§ 1005 BGB): Das Vormundschaftsgericht setzt einen besonderen Betreuer ein, der keine sonstigen Betreuungsaufgaben gegenüber der Person haben darf. Dessen Einwilligung bedarf der Genehmigung durch das Vormundschaftsgericht. Diese darf erst erteilt werden, wenn zumindest zwei befürwortende Gutachten vorliegen, und zwar zu den medizinischen, psychologischen, sozialen, sonderpädagogischen und sexualpädagogischen Gesichtspunkten.

Somit wird deutlich: Eine Sterilisation soll, wenn die betroffenen Menschen nicht selbst zustimmen können, nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht kommen. Sie sollte erst dann in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Methoden der Schwangerschaftsverhütung ausgeschlossen werden müssen.

Kinderwunsch

Wenn Menschen, die wir als geistig behindert bezeichnen, sich ein Kind wünschen, können Probleme entstehen. Leider ist es mitunter noch gängige Praxis, dass Müttern mit geistiger Behinderung ihre Kinder gleich nach der Geburt weggenommen, in Heimen oder Pflegestellen untergebracht oder zur Adoption freigegeben werden. Mitunter wird immer noch angenommen, die Kinder würden nicht ausreichend versorgt.

Von vornherein darf Müttern und Vätern nicht das Grundrecht abgesprochen werden, in Familie zu leben. Artikel 6 des Grundgesetzes (Schutz der Familie und Erziehungsrecht der Eltern) schützt auch Eltern, die geistig behindert sind, und lässt keine Ausnahme zu, etwa weil eine Minderbegabung der Eltern mit gefährdeter Entwicklung für die Kinder gleichgesetzt wird.

Frühzeitige Sexualaufklärung und das partnerschaftliche Gespräch mit Menschen mit Behinderung über den Kinderwunsch ist dringend angezeigt, um Hilfen für eine selbst bestimmte Entscheidung zu geben.

Gefahr sexuellen Missbrauchs

Ein mit Tabus belegter, bedrückender Problembereich ist noch anzusprechen: der sexuelle Missbrauch von Mädchen, Frauen und Jungen mit geistiger Behinderung.

Verführungen und Missbrauch oder gar Vergewaltigungen durch fremde, unbekannte Männer scheinen eher selten zu sein. In den meisten Fällen sind es die Mitglieder der Familie (ältere Brüder, Väter) oder Männer aus der nächsten Umgebung der behinderten Menschen (Nachbarn, manchmal Mitarbeiter in Einrichtungen), die zu Tätern gegen die sexuelle Selbstbestimmung werden.

Was ist präventiv dagegen zu tun? Eindeutig sind dieselben Wege einzuschlagen, die sich auch bei Mädchen und Jungen, die nicht geistig behindert sind, bewährt haben. Dies sind

  • geduldige, offene und lebensnahe Sexualaufklärung.
  • Kontaktpflege mit Gleichaltrigen, die positive Erfahrungen mit Zärtlichkeit und Erotik ermöglichen.
  • Selbstbestimmungskurse/-trainings.

Darüber hinaus sollten sich Eltern wie Mitarbeiter/innen in Diensten und Einrichtungen möglichst früh um die Stärkung des Selbstbewusstseins der Kinder und Jugendlichen kümmern. Hierzu gehört unbedingt, ihnen die eigenen Wünsche und Interessen zuzugestehen, auch ihr Nein zu respektieren, sie dazu zu ermuntern, wenn es auf dieses Nein ankommt.

Ausblick

Am vollen Leben Anteil haben – das ist das Integrationsziel, das als Leitmotiv Eltern, Betreuer/innen und Fachleute zusammenführen sollte. Gemeinsam wird es auch gelingen, die sexuelle Selbstbestimmung für Menschen mit geistiger Behinderung zu realisieren.

Was sagen Menschen mit geistiger Behinderung selbst dazu? Das Netzwerk People First Deutschland e.V. ist ein Verein für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dieses Netzwerk stellt zwei Dinge als die wichtigsten heraus:

Man soll bei diesen Themen mit uns umgehen, wie man es für sich selber auch wünscht!

Man darf keinen Unterschied machen, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Sexualität ist ein Thema für alle.

 

Literaturhinweise

Achilles, Ilse: Was macht Ihr Sohn denn da? Geistige Behinderung und Sexualität. München u.a.: Reinhardt, 3., überarb. Aufl. 2002.

Bannasch, Manuela (Hrsg.): Behinderte Sexualität – Verhinderte Lust? Zum Grundrecht auf Sexualität für Menschen mit Behinderung. Neu-Ulm: AG-SPAK-Bücher 2002

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „meine Sache“. Mädchen gehen ihren Weg. Fachtagung zur Sexualpädagogischen Mädchenarbeit, 19.-21. Juni 2000, Hohenroda. Köln: Selbstverlag 2001.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung. Eine Schriftenreihe der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln: Selbstverlag 2001.

Fegert, Jörg/ Müller, Claudia: Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt bei Menschen mit geistiger Behinderung. Sexualpädagogische Konzepte und präventive Ansätze. Eine kommentierte Bibliografie/ Mediografie. Bonn: Mebes und Noack 2001.

Orientierung, Themenheft: Let’s talk about sex. In: Orientierung, (2003) 2, S. 1-57.

Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, Themenheft: Geistige Behinderung und sexueller Missbrauch in Einrichtungen. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 51 (2002) 8, S. 586-674.

PRO FAMILIA: Sexualität und geistige Behinderung. Frankfurt: Selbstverlag 1998.

PRO FAMILIA/ LV Niedersachsen: Dokumentation des Forschungsprojektes „Sexualität und Behinderung“. Entwicklung von Modellkonzepten für Beratung, Fortbildung und Supervision – 1. Mai 2000 bis 30. April 2002. Hannover: Selbstverlag 2002.

Sandfort, Lothar: Hautnah! Neue Wege der Sexualität behinderter Menschen. Neu-Ulm : AG-SPAK-Bücher 2002.

Walter, Joachim (Hrsg.): Sexualität und geistige Behinderung. Heidelberg: Univ.-Verl. Winter, 5. Aufl. 2003.

Wilken, Etta: Menschen mit Down-Syndrom in Familie, Schule und Gesellschaft. Marburg: Lebenshilfe-Verlag 2004.

Autor/ Quelle

Wilfried Wagner-Stolp, Sonderpädagoge M.A., Dipl. Soz. Päd. FH, Logopäde
Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.
Fachgebiet Eltern und Familie/Offene Hilfen
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Quelle: Der Text ist stark gekürzt aus dem Online- Familiienhandbuch übernommen. Den Originaltext finden Sie unter www.familienhandbuch.de