Bindung bei geistig behinderten Kindern

Das Thema Bindung und Bindungsstörungen bei Pflegekindern, ist Pflegeeltern bekannt. Hier erfahren sie interessante Parallelen zur geistigen Behinderung und was evtl. zu beachten ist.

Jede körperliche oder geistige Behinderung stellt für die gesamte Familie einen potentiellen Stressfaktor dar und muss daher von allen Familienmitgliedern mitgetragen werden. Somit ist ihre Ausprägung auch Ausdruck eines mehr oder weniger gut funktionierenden Familiensystems, welches auch „normale“ entwicklungsbedingte Verhaltensauffälligkeiten des Kindes viel leichter zu kompensieren vermag als ein eher instabiles (Steinhausen 1995). Eine geistige Behinderung

  • wirkt als massiver körperlicher und auch geistiger Stressor für alle Familienmitglieder in unterschiedlicher Weise,
  • erfordert besondere Umgangsweisen, speziell hinsichtlich der Akzeptanz der Behinderung,
  • beeinflusst das Eheleben der Eltern bzw. kann einen schrittweisen Rückzug der Väter z.B. in das Berufsleben bewirken und
  • erfordert neue Rollendefinitionen und Lastenverteilungen der einzelnen Familienmitglieder.

Die geistige Behinderung belastet weiters die emotionalen Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder untereinander. Nicht zuletzt mangelnde Hilfe von außen kann besonders die Eltern in ein „Burn-Out“-Syndrom treiben: die verstärkte Zuwendung, die ein behindertes Kind benötigt, kann nicht mehr gegeben werden. Die Bedürfnisse des Kindes können nicht mehr entsprechend wahrgenommen werden; das Kind fühlt sich weniger geborgen. Es kommt – und das ist bei geistig behinderten Familien häufiger als bei gesunden Kindern zu beobachten – zu Bindungsstörungen, die sich auf das Ausgebranntsein (oftmals als Folge unzureichender externer Hilfestellungen) begründen. Auf deren Charakteristika und Lösungsmöglichkeiten soll in der Folge eingegangen werden.

Formen von Bindungsstörungen

In den USA haben sich in der Vergangenheit verschiedene Arbeitsgruppen damit beschäftigt, Kriterien für die Diagnostik im Kleinkindalter sowie auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu integrieren. Im Folgenden soll eine differenziertere Klassifikation von Bindungsstörungen vorgestellt werden, die bei Kindern mit geistiger Behinderung besonders häufig auftreten.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Diagnose einer Bindungsstörung nicht eine Verhaltensvariante einer unsicheren Bindungsqualität ist. Es ist jedoch anzunehmen, dass eine unsichere Bindung eine sich entwickelnde Bindungsstörung bewirken kann, wenn entsprechende Risikofaktoren wie belastende Lebensereignisse in entsprechenden Lebensabschnitten oder auch organische Beeinträchtigungen wie z.B. geistige Behinderungen dazukommen.

Man sieht bei Kindern mit einer Bindungsstörung ganz erhebliche Störungen im Verhalten mit den verschiedensten Bezugspersonen. Diese Störungen sind nicht nur situativ, sondern erstrecken sich als stabiles Verhaltensmuster über einen längeren Zeitraum. Die geistige Behinderung kann nun dieses Verhaltensmuster begünstigen, letzteres wiederum die Symptomatik der geistigen Behinderung verstärken.

Bevor hier jedoch eine Diagnose erstellt wird, sollte das jeweilige Kind über einen Zeitraum von sechs Monaten beobachtet werden. lm Folgenden werden unterschiedliche Typen von Bindungsstörungen beschrieben.

Bindungsstörung ohne Zeichen von Bindungsverhalten bzw. mit sehr gehemmtem Bindungsverhalten
Hauptbetroffene sind Autisten und Kinder mit massiver Intelligenzminderung, deren Kommunikationsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist. Diese Kinder fallen dadurch auf, dass sie kein Bindungsverhalten gegenüber einer Bezugsperson zeigen. Es ist besonders bemerkenswert, dass sie auch in offensichtlichen Bedrohungssituationen, die normalerweise Bindungsverhalten mit Nähesuchen auslösen, keinerlei Bindung zeigen.

Diese Form einer Bindungsstörung sollte nicht vor dem achten Lebensmonat in Erwägung gezogen werden, da erst nach der Entwicklung der Fremdenangst („Fremdeln“) mit ca. acht Monaten eine ausgeprägte Differenzierung und Bevorzugung einer primären Bezugsperson erwartet werden kann.
Geistig behinderte Kinder mit dieser Bindungsstörung suchen in keiner Weise die Nähe zur Mutter oder zum Vater. Dieses Verhalten ist aber nicht nur als Symptom der Grunderkrankung zu sehen, sondern kann auch eine Reaktion auf elterliches Verhalten sein.

Empfehlungen zum Umgang mit derart gebundenen Kindern: Die Eltern sollten versuchen, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen und anzunehmen. Das geschieht am besten dadurch, dass sie versuchen, sich in die Lage des Kindes zu versetzen. Dabei sollten sie das Alter des Kindes berücksichtigen und versuchen, sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern. Die Entlastung (zeitweise Betreuungsübernahme durch Dritte) ist hier von besonders großer Wichtigkeit.

Bindungsstörung mit undifferenziertem Bindungsverhalten

Hauptbetroffene sind Autisten und antriebsgesteigerte (unruhige) Kinder mit massiver Intelligenzminderung, deren Kommunikationsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist.

Kinder des Subtyps A „soziale Promiskuität“ verhalten sich undiskriminiert freundlich gegenüber ihnen bekannten wie unbekannten Bezugspersonen. Eine vorsichtige zurückhaltende Reserviertheit gegenüber fremden Personen, wie man dies bei sicher gebundenen Kleinkindern beobachten kann, fehlt bei diesen Kindern. In stressvollen Situationen möchten diese Kinder getröstet werden, greifen aber hier undifferenziert auf jede Person zurück, die sich gerade in ihrer Nähe befindet. Versucht die Bezugsperson allerdings, diese Kinder zu trösten, so gelingt dies selten in der Weise, dass die Kinder sich wirklich beruhigen und zu einem konzentrierten Erkundungssverhalten zurückkehren können.

Der Subtyp B wird als „Unfall-Risiko-Typ“ charakterisiert. Diese Kinder fallen dadurch auf, dass sie sehr häufig in Unfälle mit Selbstgefährdung und Selbstverletzung verwickelt sind. Bei genauerer Analyse stellt sich heraus, dass sie diese Unfälle durch ein ausgeprägtes Risikoverhalten selbst provoziert haben. Dieses Verhalten kann nicht mehr mit reiner Neugier erklärt werden. Die Kinder vergessen oder unterlassen es vollständig, sich gegenüber der Bezugsperson in einer gefährlichen Situation rückzuversichern, wie wir dies von sicher gebundenen Kindern in ängstigenden Situationen kennen. Wenn ein Säugling in seinem Erkundungsverhalten an eine ihm unbekannte und ihn ängstigende Schwelle kommt, schaut er normalerweise zu seiner Bezugsperson zurück und versichert sich über Blickkontakt, ob er die ihn ängstigende Schwelle übertreten darf oder ob eine Fortsetzung seines Erkundungsverhaltens für ihn mit Gefahr verbunden ist. Aus den Botschaften seiner Mutter mit entsprechendem Blickverhalten und Mimik kann er Zustimmung oder Ablehnung zur Fortsetzung seiner Erkundungen ablesen.

Die Kinder mit Unfall-Risiko-Typus der Bindungsstörung zeigen zusätzlich eine gewisse „Getriebenheit“ in ihrem Verhalten. Trotz schmerzlicher Unfallerfahrungen setzen sie scheinbar ohne Lernprozess ihr Risikoverhalten fort. Auch hier zeigt sich wieder, dass die Symptomatik der geistigen Behinderung der einer spezifischen Bindungsstörung sehr ähnlich ist.

Empfehlungen zum Umgang mit derart gebundenen Kindern: Eltern von Kindern dieses Bindungstyps sollten für das Kind verständliche Grenzen setzen. Positive Verhaltensweisen des Kindes sollten verstärkt werden. Grenzüberschreitungen sollten von den Eltern mit unmittelbar folgenden, für das Kind verständlichen und angemessenen Sanktionen beantwortet werden.

Bindungsstörung mit gesteigertem Bindungsverhalten

Hauptbetroffene sind Kinder nach zerebraler Kinderlähmung und ängstliche Kinder überbesorgter Eltern mit mäßiggradig ausgeprägter Intelligenzminderung und mit gutem Kommunikationsverhalten. Kinder mit dieser Bindungsstörung wirken nur in absoluter Nähe zur Bezugsperson emotional beruhigt und ausgeglichen, fallen aber durch exzessives Klammern auf. In nicht vertrauter Umgebung, in neuen Situationen bzw. gegenüber fremden Personen reagieren sie ausgesprochen ängstlich, suchen die Nähe zu ihrer Bezugsperson und stellen ihr Erkundungsverhalten gänzlich ein. Selbst bei körperlicher Nähe mit ihrer Bezugsperson wirken sie noch ängstlich angespannt.

In Trennungssituationen reagieren diese Kinder mit maximalem emotionalem Stress; sie weinen und toben, sind untröstlich. Auch auf kürzere Trennungen reagieren sie mit maximalem Widerstand, klammern sich an ihre Bezugsperson und protestieren lautstark. So gelingt eine Trennung zwischen Kind und Bezugsperson in der Regel nicht oder wird von der Bezugsperson im Wissen um die heftige emotionale Reaktion des Kindes von vornherein vermieden. Auch hier zeigt sich wieder die enge Verwandtschaft zwischen geistiger Behinderung und Bindungsstörung.

Empfehlungen zum Umgang mit derart gebundenen Kindern: Am hilfreichsten erscheint es wiederum, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Kinder sollten ermuntert werden, allein zu spielen, wobei sie sich immer wieder der Nähe der Eltern (vorzugsweise in einem Nachbarraum) vergewissern können. Es sollten Strategien erprobt werden, das Kind zu beruhigen, ohne ihm den Eindruck zu geben, dass es unerwünscht sei.

Bindungsstörung mit aggressivem Beziehungsverhalten

Hauptbetroffene sind Autisten und schwer intelligenzgeminderte Kinder. Kinder mit dieser Bindungsstörung gestalten ihre Bindungsbeziehungen vorzugsweise durch aggressives Kontaktverhalten, das physisch, verbal oder auf beide Arten gleichzeitig zum Ausdruck gebracht werden kann. Auch gegenüber der primären Bezugsperson – selbst wenn sie eindeutig anwesend ist – wird das Nähesuchen durch aggressive Verhaltensweisen initiiert.

In der Regel steht das aggressive Beziehungs- und Kontaktverhalten ganz im Vordergrund der Symptomatik. Wird eine kinderpsychiatrische Ambulanz aufgesucht, ist es der Vorstellungsgrund. Das Familienklima wird auffälligerweise durch Verhaltensweisen unter den Familienmitgliedern geprägt, die sich wohl nicht unbedingt in physischer Gewalt äußern müssen, aber auch in verbal und nonverbal aggressiven Interaktionen manifest werden können. Die Familienatmosphäre ist durch ein hohes Maß an aggressiver Spannung geprägt, die von den Familienmitgliedern nicht wahrgenommen oder nach außen verleugnet wird.

Empfehlungen zum Umgang mit derart gebundenen Kindern: Ihr Verhalten ist nicht absichtlich und nicht persönlich gegen die Eltern gerichtet. Angstreduzierende Gespräche sollten geführt werden. Die Eltern sollten ganz betont ihre Verantwortungsbereiche trennen, sodass es zu keinen unterschiedlichen Mitteilungen und Handlungsanweisungen an das Kind kommen kann. Vorrangig nicht-medikamentöse, beruhigende Maßnahmen wie z.B. beruhigende Musik und eine klar strukturierte, nicht reizüberflutende Umgebung erweisen sich hier als hilfreich.

 

Literatur

Beckman, P. (1991): Comparison of mother’s and father’s perceptions of the effect of young children with and without disabilities. American Journal of Mental Retardation, 95, 585-595

Steinhausen, H.C. (1995): Hyperkinetische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Kohlhammer, Stuttgart

Adresse
Mag. DDr. Helmut Niederhofer
Universitätsklinik für Psychiatrie
Anichstraße 35
A – 6020 Innsbruck
Email: Helmut.Niederhofer@uibk.ac.at

Quelle: Der Text ist erheblich gekürzt. Die Vollversion des Textes finden Sie unter www.familienhandbuch.de