Muss erst etwas passieren? – Ein Pflegekind setzt sich für seine Geschwister ein

Die zwölfjährige Romana hat Angst um ihre Geschwister, die noch bei den leiblichen Eltern leben. Es ist wichtig, dass sie diese Angst ausdrücken kann. Aber noch wichtiger wäre es für das Mädchen, dass man auch auf sie hören würde.

von Katja Rauch

Quelle: Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 3/ 2002

Romana ist ein ernstes Mädchen von zwölf Jahren. Eigentlich heißt sie nicht Romana, aber wir wollen sie so nennen wie das Mädchen auf dem Blatt Papier, das vor ihr liegt. Auf diesem Blatt hat sie Romanas Geschichte geschrieben. Etwas schüchtern noch , aber mit fester Stimme liest das Mädchen die Geschichte vor. „Vor einigen Jahren wurde ein Mädchen namens Romana im Alter von drei Jahren in ein Kinderheim getan, wo sie dann vier Jahre lang blieb, weil ihre Mutter sie im Alter von siebzehn Jahre geboren hatte. Sie hatte damals noch keine Zeit, um Romana zu schauen. Romana war entweder bei den Kollegen ihrer Eltern, wo sie meistens, wenn gerade niemand da war, an ihrem Körper herumfummelten, oder Romana war allein zu Hause. Als andere Leute bemerkten, informierten sie die Polizei, die untersuchte die Wohnung samt Eltern und Kind. Die Polizei nahm wahr, das alles stimmte, was die Leute ihnen geschildert hatten.

Als Romana ca. vier Jahre im Kinderheim war, wo sie jede Woche ihre Eltern sah, kam sie in eine Pflegefamilie. Dort sah sie ihre Eltern jeden Monat, wenn sie sie nicht gerade vergassen. In einem Monat kamen sie nicht, sie hatten vergessen, Romanas Pflegeeltern zu informieren, sie bekamen nämlich ein Baby. Romana besuchte es mit ihrer Pflegemutter.

Das Baby heisst Egon. Ramona hat noch einen anderen Bruder, der war aber schon mit einem Jahr weggegeben worden, er ist ein Jahr jünger als Romana. Vier Jahre später gebar die Mutter nochmals einen Jungen, er heisst Alexandro. Vier Jahre später gab es wieder einen Jungen, er heisst Dario. Romana bekam Angst um ihre Geschwister. Es könnte wieder das gleiche passieren, dass die Eltern die Kinder wieder Kollegen geben, sie könnten vielleicht nackt fotografiert werden oder Männer könnten am Körper herumfummeln.

Romana glaubt es nicht, ihre Mami erwartet scho0n wieder ein Baby, Schon das fünfte! Es ist zwei Jahre jünger als Dario, es ist ein Mädchen, Romana bekommt noch mehr Angst, weil es ein Mädchen ist. Bei Mädchen gibt es grössere Gefahren!!! Kaum zu glauben, ein Jahr später erwartet Ramonas Mutter wieder ein Baby. Als es auf der Welt war, war es ein Junge, er heisst Pascal. Ramona redete mit Frau Scherrer (ihrer Psychotherapeutin, Anmerkung der Redaktion) und mit den ?Pflegeeltern darüber. Ramona fragte, was kann man machen, dass den Kindern nichts passiert? Frau Scherrer sagte, man muss zuerst beweisen, bevor man etwas unternimmt. Ramona drohte: MUSS ERST ETWAS PASSIEREN!?!??“

Was nicht zusagen war

Als die Pflegemutter in ihrer Familie gefragt hatte, wer von diesen Kindern bei diesen Netz-Artikel mitmachen würde, war Ramonas Hand sofort in die Höhe geflogen.

Die Erwachsenen sollten hören und lesen, was sie zusagen hatte, und sie damit ernst nehmen. Ramona vereinbarte mit ihrer Pflegemutter, dass von ihrer Lebensgeschichte nur das erwähnt werden soll, Ramona selber will.

Frau Scherrer, die Kinderpsychotherapeutin, kam dann auf die Idee, Ramona könnte docj eine Geschichte schreiben. In dieser Geschichte hat Ramona erzählt, was sie vorher noch nie ausgesprochen hatte. „Den teil, den sie nicht sagen konnte, hat sie jetzt geschrieben.Jetzt wissen wir genauer, weshalb sie solche Angst um ihre Geschwister hat“, sagt die Pflegemutter Susanne Schlatter (alle Namen geändert). Immer wenn sie an ihre Geschwister denkt, plagt sie diese riesige Angst. Ramona ist diem Älteste. Sie hat das Gefühl, sie müsse die Verantwortung für die Jüngeren übernehmen. „Und dann kann sie nicht mehr lernen, nicht mehr rechnen, nicht mehr schreiben. Es geht gar nichts mehr, sie fängt an zu stören, sackt ab und ist doch sonst eine super Schülerin“, sagt Susanne Schlatter. Jetzt zum ersten mal, konnte Ramona formulieren, woher diese Angst kommt.

Klar Bescheid gesagt

Aber auch wenn sie früher den Grund nicht aussprechen vermochte – in sich hineingefressen hat Ramona ihre Angst nie. Schon als es um sie selber ging, hat sie klar Stellung bezogen. Ihre eltern waren damals vor Gericht gegangen, weil sie mehr wollten als die begleitenden Besuche ihrer Tochter. Da sagte Ramona also noch nicht Zehnjährige ganz klar, sie wollte nicht allein zu den Eltern, sie wolle nicht mehr in diese Wohnung, nur mit Begleitung und Schutzmaßnahmen. Das Gericht ging auf die Wünsche des Mädchens ein. Es entschied, dass die Besuchsregelung gut sei, so wie es war.

Später hat sich Ramona ebenso für ihre Geschwister eingesetzt. Die Pflegeeltern versuchten ihr zu vermitteln, dass nicht sie für die Kleinen verantwortlich ist, sondern der Beistand und die Vormundschaftsbehörde. Also schrieb Ramona ihrem Beistand, wollte wissen, o0b die Eltern schon umgezogen seien, und vor allem: wie es den Geschwistern gehe. Der Beistand schrieb zurück. Es sei für ihn schwierig alle Fragen Ramonas zu beantworten. Leider könne er nicht immer schauen, wie es den Kindern gehe. „Aber dann, nach seinen letzten Besuch, schrieb er, dass er Ramona jetzt verstehe“, berichtet die Pflegemutter. „Er hat gesehen, dass es den Kindern wirklich nicht so gut geht. Aber er bestätigte auch, das man nicht machen könne ohne Beweise.“

Antwort nicht akzeptieren

Für Ramona ist es wichtig, dass sie ihre Ängste formulieren kann und dass man sie damit ernst nimmt. Es hat ihr gut getan, dass der Bestand auf sie eingegangen ist. Doch seine Antwort, dass man nichts machen könne, wollte sie nicht einfach akzeptieren. Wieder schrieb sie einen Text. Das zwölfjährige Mädchen kann sich sehr klar ausdrücken. Sie weiss, was sie will, und sieht, was wichtig wäre. Aber andere sehen das nicht oder müssen Beweise haben, und das belastet sie sehr. Unter dem Titel „Muss erst etwas passieren?“ schreibt Ramona: „Kinder werden ernst genommem. Die Erwachsenen haben alle Rechte, und auf die Kinder hört man nicht. Alles muss man beweisen. Auch wenn schon ganz, ganz viel passiert ist, macht man nichts. Zwei Kinder werden z.B. in einer Pflegefamilie getan, und wenn die Eltern neue Kinder bekommen, lässt man sie dort. Muss immer erst etwas passieren??? Ich wünsche mir:

  1. Man soll auf Kinder hören.
  2. Man sollte Kinder schützen
  3. Es sollte eine Stelle geben, an die man sich wenden kann.
  4. Wenn zwei Kinder weg sind, sollte man die anderen schützen.
  5. Man sollte nicht immer nur auf Erwachsene hören.“

Mit eigenen Augen sehen

Das nächste Mal, wenn Ramona wieder ihren Eltern treffen soll, wird die Pflegemutter vorschlagen, das Treffen solle in der Wohnung der Eltern stattfinden. Als die Mutter dies erwähnt , doppelt Ramona sofort nach: „Da bin ich auch dafür.“ Ramona werde keine Ruhe finden, bis sie gesehen habe, dass ihre Geschwister wirklich ein Bett haben und wie es ihnen geht, erklärt Susanne Schlatter. „Es ist wichtig, dass wir mit ihr dahin gehen. Nachher geht es ihr wahrscheinlich nicht gut, das ist immer so. Aber es ist wichtig , dass sie es mal sieht.“ Normalerweise kommen Ramonas Eltern in die Pflegefamilie zu Besuch. Ramona ist vor diesen Treffen immer sehr aufgewühlt und kann sich auf gar nichts anderes konzentrieren.

„Aber vor dem letzten Besuchstag konnte es mir nicht schlecht gehen“, sagt sie zu ihrer Pflegemutter, „du hast mir ja vorher nichts gesagt.“ Susanne Schlatter versuchte, das Mädchen auf diese Weise zu schonen. Drei Wörter, so Ramona, habe sie bei den Besuch zu ihren Eltern gesagt: „hoi“, „cio“ und „danke“. Mochte sie den gar nicht mit ihnen sprechen? Ramona: „Ich war immer mit den Kleinen beschäftigt. Nur mit dem Baby konnte ich nicht sein, das war immer bei Mami.“

Zwei Jahre nicht besucht

Nachdem die Eltern vor Gericht mit ihren Wunsch nach einer freieren Besuchsregelung nicht durchgekommen waren, hatten sie ihre Tochter fast zwei Jahre lang gar nicht mehr besucht. Die Pflegefamilie hat versucht, den Kontakt wieder herzustellen. Inzwischen kommen die Eltern wieder zwei- bis dreimal im Jahr zu Besuch. Zum Glück sind jeweils auch Ramonas Geschwister dabei. Eigentlich sind ihre Geschwister weitaus am wichtigsten bei diesen Besuch.

Nicht abgeschickte Briefe

Zwischen den Besuchen schreibt Ramona immer wieder Briefe an ihren Eltern. Vieles schreibt sich das Mädchen darin von der Seele. Nicht immer verfasst Ramona die Briefe aus eigenem Antrieb, manchmal geschieht dies auch auf Anregung der Pflegemutter. Diese versiegelt die Briefe und legt sie in den Ordner. Viele nicht abgeschickte Umschläge haben sich dort schon angesammelt. „Immer, wenn Ramona schreibt, geht es ihr gut, sie kann ihre Wut rauslassen“, Erklärt Susanne Schlatter. Aber weil Ramona nicht möchte , dass ihre Eltern auf sie böse werden , schickt sie die Briefe nicht ab. Vielleicht wird sie sie ihnen irgendwann einmal geben. Dann werden sie lesen können, was Ramona beschäftigt hat. Vielleicht werden sie dann verstehen?