Komplexe Idylle

Was es fordert, um das Kinderwohl wirklich zu gewährleisten, die Geschichte von Basil

Von Kathrin Babara Zatti

Quelle: Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 3/ 2002

Noch etwas unsicher steht er auf seinen Beinen. Wenn seine Mutter zu Besuch kommt, geht Basil ihr jetzt, an der Hand seiner Pflegeschwester, ein paar Schritte entgegen. Seit sieben Monaten lebt Basil in dem idyllischen Weiler Ettenhof. Als er zur Familie Widmer kam, konnte der fast dreijährige Bub noch nicht laufen. Seine Pflegemutter musste ihn tragen , wohin sie auch immer ging – kein einfaches Unternehmen in dem großen Bauernhaus mit den vielen Treppen.

Man fürchtet, er fällt um – aber er fängt sich immer wieder auf . Letzhin, erzählt Susanne Widmer, habe sie am Abend melken müssen. Sie rechnet damit, dass Basil sich zwischendurch mal setzen muss und vielleicht einen „Kuhpflütter“ erwischt. Aber während der ganzen Stunde ging er im Gang zwischen den Türen hin und her, bis die letzte Kuh gemolken war.

Basils Mutter Ce`cile Amrein freut sich, wie ihr „Kleiner“ das Strässchen herunterkommt. Zusammen mit Renata Vischer von der Agentur für Pflegefamilien kommt sie jeden zweiten Samstagnachmittag zu Besuch. Sie kommt gerne nach Ettenhof, wo vielleicht fünf, sechs Häuser zusammen stehen, umgeben von grünen Wiesen und Weiden. Das Gras steht noch hoch, zum Heuen fehlt nur noch das schöne Wetter.

„Es ist schön ruhig“, sagt Frau Amrein. Ihr jüngster Sohn ist hier an einem guten Ort, da ist sie sich sicher. Basil spielt mit den anderen Kindern, rund um das Haus ist nichts als ein Kinderparadies. Nur wenn jetzt wieder Traktoren wieder vorbeifahren, wird Susanne Wiedmer Basil nicht aus den Augen lassen: „Er sieht die Gefahr nicht. Als unsere Kinder in diesem Alter waren, konnten wir es ihnen sagen, dass sie aufpassen müssen.“ Die vier – Roland, Ariane, Sandro und Sabine – sowie die Nachbarskinder kümmern sich rührend um den kleinen Bruder, der mit einer unbändigen Freude und einem enormen Willen die grosse Welt von Ettenhof entdeckt und fast täglich neue Fähigkeiten erobert. Ein Kind wie eine Sonne, die das Herz erfreut. „Er ist bei allen beliebt“, stellt seine Pflegemutter fest. Als Basil letzten Sommer eine Woche bei Wiedmers in den Ferien war, zur Probe für eine anfällige Platzierung, war der Fall rasch klar. Die ganze Familie „verliebte“ sich in den Buben, wie Renate Vischer sagt.

Stürmische Entwicklung

Für die Leiterin der neuen Agentur für Pflegefamilien war eine der ersten Platzierungen, die sie durchgeführt hat. Im Mittelpunkt stand das Wohl des Kindes, Basils Wohl, und rundherum koordiniert Renate Vischer ein komplexes Arrangement. Was einem Frühlingsnachmittag in Ettenhof so einfach aussieht, erfordert viel. Von allen: Der Mutter, die bereit ist zu kooperieren. Der Amtsvormundschaft, die rigoros durchsetzt, was es für das Kindeswohl braucht. Der Fachfrau, welche mit persönlichen Einsatz die Pflegeeltern und die Mutter begleitet. Der Pflegefamilie, die das Kind betreut und fördert und dessen Mutter, wie Susanne und Erich Wiedmer sagen, „sehr hoch schätzen“. Das gilt auch umgekehrt. „Ich komme gut aus mit den beiden“, sagt Ce`cile Amrein. Ein Glücksfall. Und viel, viel Arbeit von allen Beteiligten. Das es ihm wirklich wohl ist, zeigt Basil mit seiner fast stürmischen Entwicklung. Ohne die Unterstützung der heilpädagogischen Früherzieherin, die Basil wöchentlich in der Pflegefamilie betreut und begleitet, wäre das nicht möglich gewesen.

Blockiert

Aber auch wenn Basils Mutter die Pflegefamilie voll schätzt, hätte sie Basil doch lieber bei sich. Der blonde Bub hat in den ersten zweieinhalb Jahre mit seinen Eltern gelebt. Fast zeitgleich mit Basils Platzierung bei der Familie Wiedmer wurde die Ehe von Ce`cile und Tobias Amrein geschieden, für Basil wurde eine Vormundschaft errichtet. Schon vorher die Behörden versucht, für das Kind eine Beistandschaft einzurichten , nachdem seine älteren Geschwister Renato und Lilian, zwei Kinder aus der ersten Ehe von Ce`cile Amrein, fremdplatziert werden mussten, gegen den Willen der Mutter. Gegen eine Beistandschaft von Basil wehrte sie sich zusammen mit Basils Vater auf rechtlichen Weg. Ihr Rekurs blockierte das Verfahren ein ganzes Jahr. Mit einer sozialpädagogische Familienbegleitung wurde versucht, die Familie zu unterstützen, aber Tobias Amrein sah nicht ein, wieso man dafür zahlen sollte, dass die beiden Frauen bloß miteinander schwatzten – so erzählt es Frau Amrein. Eine Zeit lang lebte sie alleine mit Basil, während ihr Mann in einer Kur zum Alkoholentzug weilte. Ein Versuch mehr, auch Ce`cile Mutter hatte es probiert : „Ich dachte, ich könnte ihn herauslüpfen, aber das ging nicht . Ich war wohl etwas naiv“, meinte sie, „ich dachte, wenn ich sein Bier trinke, dann trinkt er weniger. Aber genau das Gegen teil war der Fall.“

Schlimme Tage

Anfang letzten Jahres kam es zu einem Zwischenfall. Frau Amrein erinnert sich gut an diesen Unglückstag. Was genau geschah, weiss sie nicht möglicherweise, hat ihr jemand etwas in die Cola gemischt, jedenfalls kehrte sie nicht zur vereinbarten zeit nach Hause zu ihrem Kind zurück. Sie hatte Basil in der Obhut eines Freundes gelassen, der dann nicht mehr wusste, was machen mit dem Kind. Schließlich intervernierte die Polizei, nicht zum ersten Mal. Frau Hugentobler von der Amtsvormundschaft beantragte eine Abklärung, Basil kam ins Kinderspital. Er wurde krank und musste länger als erwartet dort betreut werden. Für seine Mutter war es klar, das ein Kind krank wird, wenn man es von der Mutter wegnimmt. Anders sieht es die Vormundin: Basil war schwach und anfällig. Die medizinische Abklärung ergab auch einen grossen Entwicklungsrückstand und eine cerebrale Behinderung. Ein halbes Jahr verbrachte Basil dann im Kinderheim Sonnenschii. Das war aber nur eine Notlösung, weil das Heim nicht auf Betreuung behinderter Kinder eingerichtet ist. Basil beanspruchte eineinhalb Plätze, und nur weil eine Praktikantin in der Ausbildung zur Psychomotorikerin gerade zur Verfügung stand, konnte er überhaupt betreut werden. Er braucht viel Medikamente, erzählt Herr Bolliger, der Heimleiter, er war sehr schwach und anfälllig. Regelmäßig besucht ihn seine Mutter, und nachdem sie – nach der Trennung von ihren Mann – eine neue Wohnung eingerichtet hatte, nahm sie ihn tageweise nach Hause. Für Frau Amrein waren es „furchtbar schlimme Tage“: Wenn sie wieder ging, schrie Basil – „und draussen habe ich dann auch geweint“.

Schmerz und Verzweiflung

Im Sunneschii machte Basil große Fortschritte. „Am Anfang hat er viel geschrien und mit dem Kopf auf den Tisch geschlagen“, erinnert sich der Heimleiter. Das hörte dann fast vollständig auf. Und während Basil nicht sprechen konnte, als er ins Heim kam, konnte bald einige Wörter, und mit der Zeit, so Herr Bolliger, „konnten wir ihn verstehen“. Basil habe viel von den anderen Kindern provetiert. Weil er doch im Sunneschii nicht bleiben konnte, suchte seine Vormundin für ihn eine Pflegefamilie, das heisst, sie beauftragte die Agentur für Pflegefamilien. Renate Vischer arbeitet nach einem semiprofessionellen Model: Die Pflegefamilien sind nicht voll professionell tätig, werden aber in ihrer Arbeit eng begleitet. Dazu gehört auch die heilpädagogische Früherzieherin sowie ein Entlastungsdienst, den Renate Fischer von Anfang an eingebunden hat. Die Platzierung eines behinderten Kindes, so meint Renate Vischer, in eine semiprofessionelle Pflegefamilie sei nur so zu verantworten. Während die Früherzieherin zuständig ist für die Entwicklung von Basil, übernimmt Renate Vischer die Elternarbeit. Basils Mutter kann immer Frau Vischer anrufen, und sie macht es oft. Sie vermisst Basil. Sie lebt jetzt ohne ihre Kinder, in ihrer Wohnung, mit einem neuen Freund . Sie möchte die Kinder bei sich haben. Basils Mutter ruft Frau Vischer manchmal dreimal am Tag an. Eine andere Mutter auch mitten in der Nacht. Für Renate Fischer ist es klar, dass der Schmerz und die Verzweiflung nicht nur zu Bürozeiten kommen. Sie versteht sich zu eine Brücke zu den Eltern, vor allem zu der Mutter. Das braucht es, weil viele Mütter sich sehr hilflos und ausgeliefert fühlen. Die Gefahr ist gross, dass sie „abhängen“.

Anteil nehmen

Cècile Amrein sagte dann auch, sie denke manchmal, sie wolle weg: „Ich habe drei Kinder und habe sie doch nicht . Das ist eine ganz verzwickte Lage. Dann denke ich, ich vergesse die Kinder und gehe weg. Aber eine innere Stimme sagt mir, das darf ich nicht.“ Und so schafft sie es immer wieder, bei all ihren Schmerz – und in Begleitung von Renate Vischer – jeden zweiten Samstag Basil zu besuchen, Anteil zu nehmen an seinen Leben in der Pflegefamilie und an seiner Entwicklung. Sie hat Basils Kleider und seine Spielsachen der Pflegefamilie gegeben. Auch sein Bett: „Er Freude gehabt“, erzählt sie, „ er schläft gerne in dem Bett.“ Ausserdem, fügt sie dann an, sei es nicht auszuhalten, ständig Basils Sachen zu sehen. Der Schmerz ist überwältigend. Sie habe Depressionen, sage ihr Freund manchmal. „Ich sage : Nein, ich habe keine Depressionen, mir kommt das immer wieder obsi.“ Sie ist froh, war sie in dieser Zeit der Trennung nicht allein, wenn auch die Beziehung nicht immer einfach ist: „Er hat manchmal auch genug und sagt, ich weine immer nur .“Der Schmerz äussert sich auch in einer großen Wut – auf die Behörden, auf das Vormundschaftsamt, auf die Vormundin von Basil. „ Mit denen kann man nicht reden“, meint Frau Armein, und mehr als einmal ist sie nach fünf Minuten aus den Büro gelaufen. Einmal musste sie notfallmäßig behandelt werden, „weil ich so gezittert habe“. In ihren Augen haben die Behörden die Familie auseinander gerissen. Sie versteht nicht wieso. „Wieso das so kommen musste, das fragte ich mich Tag und Nacht.“ Manchmal hat sie schlaflose Nächte . Oder Alpträume: „Letzhin habe ich geträumt, dass Basil gestorben ist.“ Was sie falsch gemacht habe in ihrem Leben, dass Schicksal so gegen sie sei? Aber jetzt, sagt sie, „weint Basil nicht mehr, wenn ich wieder gehe. Ja, er winkt sogar. Das ist für mich wie eine Lösung.“

Neues Zuhause

Frau Hugentobler ist sich bewusst, dass sie die böse Rolle spielt: „Ich bin der Bölimann, aber damit kann ich leben. Für mich ist es vor allem wichtig, dass es dem Kind gut geht.“ Um konsequent für das Kinderwohl einzustehen, geht sie auch eine Risiko ein: Mehr alos einmal hat sie Morddrohungen bekommen. Das sie die Rolle der Schuldigen übernimmt, ermöglicht jedoch, wie Renate Vischer feststellt, ein ungestörtes Pflegeverhältnis für Basil. Die Pflegefamilie ist „ aus der Schlusslinie“ und kann sich dem Kind widmen. Am Anfang konnte Basilo nicht alleine spielen, und er fing gleich an zu weinen, egal, wie geringfügig der Anlass war. „Ich war gefordert immer bei ihm zu sein“, sagt Susanne Widmer. Sie ist froh, wenn am Abend die Kinder nach Hause kommen. Sie geben sich sehr mit ihren Pflegebruder ab. Oder aber er schaut ihn einfach zu. Auch draußen, mit den Nachbarskinder, ist er ganz selbstverständlich integriert.

„Basil ist für uns eine Bereicherung“, sagt sein Pflegevater. Er wusste, was es heisst, mit Pflegekindern zu leben. Seine Eltern hatten einen Jugendlichen aufgenommen, dessen Vater plötzlich davongelaufen war. Und seine Geschwister haben auch Pflegekinder. Dort liegen, wie in vielen Pflegeverhältnissen, die grössten Probleme in der schwierigen Beziehung mit den leiblichen Eltern. Widmers schätzen sich sehr glücklich, dass sie so gut begleitet sind. Und das es mit Basils Mutter so gut geht. „Ich glaube, ich lasse ihn hier“, sagte Ce`cile Amrein beim letzten Besuch. Basil hat hier ein natürliches therapeutisches Umfeld gefunden – und ein neues zu Hause. „Susanne hat mich gefragt, wie das für mich sei, dass er ihr auch Mami sagt“, erzählt Frau Amrein. „Ich habe gesagt, das ist schon recht. Ich kann doch nicht sagen, dass er das nicht darf. “So hat Basil nun zwei Mamis.“