Es gibt keine normalen Kinder an sich

Zur Berücksichtigung von Entwicklungsverläufen und den Chancen und Grenzen einer Unterbringung von Kindern in einem Heim, bevor sie in die Pflegefamilie vermittelt werden

„Es gibt (aber) auch keine auffälligen Kinder an sich. Unsere Erwartungen definieren, was als auffällig, gestört usw. zu gelten hat. Was uns stört, ist gestört. So fangen wir Kinder mit dem Netz unserer Normalität, obwohl unsere Art, die Phänomene dieser Welt zu klassifizieren, Kindern manchmal ziemlich verrückt vorkommen muss…“

In diesem Zitat ist bereits klar gesagt, was wir von einem Normalitätsbegriff im Zusammenhang mit Kindern zu halten haben. Auch im Heim taucht immer wieder der fatale Satz auf: „Dieses Kind verhält sich nicht normal.“ Hier wird dann davon ausgegangen, dass alle Beteiligten wissen, was denn „normal“ bedeutet. Als Maßstab dient dann wahrscheinlich ein Kind, das unter Bedingungen aufwächst, die wir für „normal“ halten. Die Kinder, die in unsere Einrichtung kommen, haben sehr eingeschränkte Möglichkeiten gehabt, sich zu entwickeln. Legt man diese Bedingungen einer Beurteilung zugrunde, so können wir sagen, dass sich die Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend durchaus normal entwickeln. Wir haben uns somit von einem Normalitätsbegriff verabschiedet. Nichts desto trotz dürfen wir auch nicht in den Fehler verfallen, unsere Kinder zur Norm zu machen. Hier helfen eher Festlegungen über den Begriff „Entwicklungsverzögerungen“. Auch dabei gilt es, die bisherigen Entwicklungsmöglichkeiten zu beleuchten, und die Kinder nicht als unfähig abzustempeln. Aber es gibt ja mittlerweile gewisse Testverfahren bzw. Erfahrungswerte der Erzieherlnnen, die Vergleiche innerhalb bestimmter Altersstufen ermöglichen.

Hier liegt die Chance bei einem Heimaufenthalt vor der lnpflegegabe für die Beteiligten zu umfangreichen Erkenntnissen über die Fähigkeiten der Kinder zu kommen. Dies hilft bei der Auswahl, die unter den Bewerberlnnen getroffen werden soll, aber auch bei der Informationsweitergabe an die ausgewählten Pflegepersonen. In diesem Zusammenhang würden wir uns als Einrichtung noch mehr Kenntnisse über die Vorgeschichte von Kindern wünschen. So könnten wir uns manches Verhalten besser erklären und auch den Pflegepersonen ein klareres Bild vermitteln.

Aber die beste Informationsweitergabe und die intensivste Einsicht in Möglichkeiten und Fähigkeiten eines Kindes nutzt nichts, wenn nicht zwei wichtige Einschränkungen berücksichtigt werden. Die möglichen Pflegepersonen müssen zuhören können. Das klingt etwas banal, aber aus vielen Gesprächen mit Pflegeeltern weiß ich, dass Informationen manchmal nicht aufgenommen werden, weil die Pflegepersonen sich zum Zeitpunkt des ersten Gespräches eher mit Anbahnungsorganisation, möglichen Kontakten zu leiblichen Eltern des Kindes u.a. beschäftigen und somit Hintergrundinformationen nicht richtig aufnehmen können. Es ist also wichtig, dass sie mit den Mitarbeiterlnnen der Einrichtung während der Anbahnungszeit intensiv im Gespräch bleiben.

Eine weitere Einschränkung bei der Informationsübermittlung über die Kinder bildet die Tatsache, dass alle Beobachtungen und Erkenntnisse im Rahmen einer Institution gewonnen wurden. Kinder leben hier mit anderen Kindern in einer Gruppe, die von Erzieherlnnen im Wechseldienst betreut werden. Diese von jeglichem Familienleben sehrverschiedene Situation ruft bei den betroffenen Kindern, die ohne Vorbereitung in die Situation hineingeraten sind, Verhaltensweisen hervor, die sie in ihrer Familie nicht gezeigt haben und die sie in einer „neuen Familie“ auch nicht mehr zeigen werden. Das umgekehrte ist natürlich ebenso möglich und überrascht zuweilen Pflegepersonen in besonderem Masse. Wir können nicht beschreiben, wie ein Kind ist. Wir können nur sagen, wie es sich in den Wochen und Monaten im Heim – einer Ausnahmesituation – verhalten hat und welche Schlüsse wir gezogen haben. Wir können auch nicht sagen, wie ein Kind sein wird. Somit ist die intensive Informationsübermittlung zwar notwendig, muss aber immer vor den genannten Einschränkungen betrachtet werden.

Klaus Holzrichter (Leiter des Kleinkinderheims Gross Borstel), aus BLICKPUNKT PFLEGEKINDER, Ausgabe 2/ 1995