Bindungen – die Basis für soziales Verhalten

Adrian Einecke stellt in diesem Text die Grundlagen der Bindungstheorie leicht verständlich und am Verhalten des Kindes orientiert dar.

Jeder Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis nach Bindung und sozialem Kontakt. Er braucht dies, um sich körperlich, geistig und seelisch entwickeln zu können. In allen Kulturen kann man beobachten, dass Säuglinge und Kleinkinder eine scheinbar magische Anziehungskraft auf Eltern und andere Erwachsene ausüben.

Säuglinge signalisieren durch verschiedenste Verhaltensweisen, wie weinen, saugen, lächeln, klammern, dass sie der Zuwendung und Aufmerksamkeit von Erwachsenen be-dürfen. Eltern reagieren in der Regel sehr feinfühlig auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder und reagieren  angemessen auf das Bindungsverhalten des Kindes.  Eltern und Kinder, befinden sich im Dialog.

Dieses Verhalten zeigen nicht nur Säuglinge. Kleinkinder  erkunden ihre Umwelt dann am intensivsten, wenn sie sich sicher fühlen. Dazu vergewissern sie sich immer wieder, ob ihre Bindungsperson in der Nähe ist.

Auch größere Kinder suchen Trost und Unterstützung bei ihren Eltern, sei es wenn sie Schmerzen haben oder eine schwierige Situation durchstehen müssen. Kinder teilen Freude mit und erzählen den Bindungsperso-nen oft überschwänglich was sie erlebt ha-ben. Sie fordern Zuwendung und Bestätigung ein.

Kinder können sich sozusagen nicht nicht binden. Für Pflegefamilien bedeutet dies, dass es nicht auf das ob, sondern auf das wie von Bindungserfahrung ankommt.

Kinder erleben am Beispiel des Umgangs ihrer Eltern mit ihnen, wie Beziehungen zu gestalten sind, wie miteinander umgegangen und gesprochen wird, was ihnen und anderen zugemutet werden kann, wie auf schöne und schwierige Situationen reagiert wird.

Erlebt ein Kind die Eltern als verlässlich, wertschätzend und bestätigend so kann das Kind eine sichere Bindung aufbauen. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für eine stabile und selbstbewusste Persönlichkeit.

Haben Kinder hingegen einen eingeschränk-ten Zugang zu ihren Gefühlen oder zeigen sie bei Belastungen eine beziehungsvermeidende Grundhaltung und Probleme im Aufbau eigener Beziehungen, so kann von einer unsicher-vermeidenden Bindung gesprochen werden. In diesem Falle unterstützen Eltern zumeist nur das Verhalten des Kindes, wenn es Freude ausdrückt.

Ist ein Kind eher misstrauisch, anklammernd, hilflos und reagiert mit übersteigertem Gefühlsausdruck, hat es wahrscheinlich unsicher-ambivalente Bindungserfahrungen gemacht. Seine Eltern konnten dem Kind mit ihrem Verhalten keine klare Orientierung geben, mal waren sie über-behütend und dann wieder vernachlässigend oder abweisend.

Konnte hingegen ein Kind keine Bewältigungsstrategie finden mit einer Belastungssituation umzugehen oder sich in keinster Weise auf die Eltern als Beschützer verlassen, so ist es wahrscheinlich, dass ein Kind Anteile einer desorganisierten Bindung auf-gebaut hat. Solche Kinder können in bestimmten Situationen einfach erstarren oder völlig abnorme Verhaltensweisen zeigen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass viele Pflegekinder weniger sichere Bindungen erlebt haben. Für Pflegefamilien bedeutet das unsichere, ambivalente und teilweise desorganisierte Bindungs- und Beziehungsverhalten der Pflegekinder, dass sie sich das Vertrauen der Kinder als Bezugspersonen mit langwieriger und geduldiger Beziehungs-arbeit erst erwerben müssen. Pflegeeltern ermöglichen den Pflegekindern damit das Erleben von sicheren Bindungen. Dies schließt die Achtung der Beziehungen des Kindes zu seinen leiblichen Eltern nicht aus.

In der aktuellen Forschung wird davon ausgegangen, dass Bindungsorientierungen  sich über lange Sicht hin verändern können. Die gute Botschaft lautet: Bindungsstörungen können vielleicht nicht geheilt, aber doch minimiert werden. Verlässliche Pflegeeltern ermöglichen dem Kind die Erfahrung, dass es sich lohnt neue Beziehungen aufzubauen.

Die neurobiologische Forschung macht allerdings auch deutlich wie kompliziert der Aufbau neuer Bindungen ist. Alte Bindungen werden nicht automatisch ersetzt, statt dessen werden neue Bindungen in einem lang andauernden Prozess aufgebaut.

In der Bindungs- und Gehirnforschung hat sich gezeigt, dass Kinder unterschiedlich sensible Phasen in der Gehirnentwicklung durchlaufen, die für die Bindungs- und Beziehungsentwicklung von fundamentaler Bedeutung sind.

In den ersten 6 Monaten entwickeln sich die Teile des Gehirns besonders schnell, die für die bewusste Wahrnehmung von eigenen und fremden Emotionen von besonderer Bedeutung sind. Zuverlässige Emotionale und körperliche Nähe sind neben der regelmäßigen und angepassten Versorgung mit Nahrung und Schlaf in dieser Phase besonders wichtig.

Ungefähr ab dem 6. Monat kann das Kind eine dauerhafte Verbindung zu einer fürsorgenden Person aufbauen. Es nimmt sie als Hauptbindungs- und Bezugsperson wahr. Diese besonders sensible Phase dauert unge-fähr bis zum 3. Lebensjahr. In dieser Zeit ent-wickelt das Kind innere Arbeitsmodelle, die das Beziehungserleben maßgeblich prägen.

Andauernder Stress, bspw. durch massive Vernachlässigung und frühe Gewalterfahrung, hat negative Folgen auf die Entwicklung des Gehirns. Das Überangebot von Stresshormonen verringert bestimmte Ver-zweigungen von Gehirnregionen. Es kann zu gestörten Konzentrationen von Neurotransmittern und einer geringeren synaptischen Verbindung von Nervenzellen kommen.

Als Folgen von traumatischen Erfahrungen, kann das Gehirn eine geringere Größe haben, können in manchen Hirnregionen abnorme Hirnströme entstehen sowie das Langzeitge-dächtnis beeinträchtigt werden. Störungen im Aufbau der limbischen Gehirnareale haben Unstimmigkeiten der Wahrnehmung von Emotionen zur Folge.

Kinder mit einem gestörten Bindungsver-halten bedürfen also der besonderen Fürsor-ge der Pflegeeltern. Was in der Pflegefamilie als „normale“ emotionale Reaktion gilt ist es noch lange nicht für das Pflegekind. Umge-kehrt ist das Pflegekind noch viel mühsamer zu verstehen, weil es durch Anpassungsverhalten und in Übertragungssituationen von Seiten der Pflegefamilie noch schwer einzuschätzen ist und zudem problemati-sches Bindungsverhalten zeigen kann..

Die konkreten Auswirkungen auf den Alltag von Pflegefamilien sind sehr vielschichtig und eher individuell zu betrachten. Sicher ist, dass das einfühlsame Verhalten von Pfle-geeltern dem Verhalten und den dahinterliegenden Emotionen des Pflegekindes gegenüber der Schlüssel zum Aufbau einer Eltern-Kind-Beziehung ist.