Pubertät – Identität/ Körper/Geschlechterrolle

Pubertät als Lebensphase

In jedem Lebensalter haben wir bestimmte Entwicklungsaufgaben. Diese sind Lernaufgaben, die vollzogen werden sollten, um Fertigkeiten und Kompetenzen zu erwerben, die zur konstruktiven Bewältigung der Anforderungen des Lebens nötig sind.

Quellen der Entwicklungsaufgaben:
o physische Reifungsprozesse: Veränderungen des Körpers
o kultureller Druck: gesellschaftliche Erwartungen, die von außen an uns herangetragen werden (beispielsweise altersbezogene Normen)
o individueller Druck: Ziele, die man sich setzt und Werte, die man hat

Entwicklungsaufgaben werden bestimmten Lebensphasen zugeordnet, weil man davon ausgeht, dass es innerhalb des Lebens Zeiträume gibt, die für bestimmte Lernprozesse besonders geeignet sind.

Die Jugendzeit (Adoleszenz/ Pubertät) ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Die Zeit der Pubertät (Zeit der beginnenden Geschlechtsreife) beginnt physisch (die körperliche Beschaffenheit betreffend) für junge Menschen immer früher. Die soziale (Einordnung in die Gesellschaft) und kognitive (zur Erkenntnis fähig sein) Reife hinken meist hinterher. Erst dann, wenn ein gesunder Mensch „auf eigenen Füßen stehen kann“ und für sich und andere sorgen kann (und will), ist er erwachsen.

Die Pubertät ist durch folgende Entwicklungsaufgaben gekennzeichnet (erarbeitet auf der Basis eines Kataloges des Entwicklungspsychologen Havighurst mit Jugendlichen im Alter von 15-18 Jahren:
o Aufbau eines Freundeskreises: zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts werden neue, tiefere Beziehungen hergestellt
o Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung: Veränderungen des Körpers und des eigenen Aussehens annehmen
o sich das Verhalten annehmen, das man in unserer Gesellschaft von einem Mann/einer Frau erwartet
o Aufnahme intimer Beziehungen zu einem Freund/einer Freundin
o von den Eltern unabhängig werden/sich vom Elternhaus lösen
o Wissen, was man werden will und was man dafür lernen/können muss
o Vorstellungen entwickeln, wie die zukünftige Familie und der zukünftige Partner sein sollen
o über sich selbst im Klaren sein, wissen wer man ist und was man will
o Entwicklung einer eigenen Weltanschauung: sich darüber klar werden, welche Werte man hoch hält und als Richtschnur für eigenes Verhalten akzeptiert
o Entwicklung einer Zukunftsperspektive: sein Leben planen und Ziele ansteuern, von denen man glaubt, dass man sie erreichen kann

Zentrale Entwicklungsaufgabe der Jugendzeit ist die Entwicklung einer eigenen Identität.

Bedeutung und Entwicklung einer gesunden Identität

Identität ist die innere (geistig-leiblich-seelische) Einheit der Persönlichkeit. Beim Einzelnen beginnt es mit der ersten Unterscheidung zwischen dem „inneren“ und dem „äußeren“ Selbst (-bewusstsein – ich bin mir meines Selbst bewusst) ist entscheidend für eine gesunde Entwicklung. Dieses Bild von sich ist notwendig, um zu wissen: Was will ich? Was gehört zu mir? Was kann ich? Was erwarten andere?

Die Identität bildet sich in vier Schritten, die nicht gleichzeitig in allen Lebensfeldern vollzogen werden. Dabei verläuft die Entwicklung nicht linear, sondern es kann immer wieder Rückschritte und Sprünge geben. Beginnend von der übernommenen Identität, die für das Kindesalter typisch ist (z.B. alles nachplappern), kommt der Jugendliche zunächst in eine diffuse Phase, in der alles möglich ist (weißes Blatt Papier). Nachdem Möglichkeiten gesammelt wurden – natürlich unbewusst – beginnt der Jugendliche mit der Auswahl und dem Austesten der von ihm erwogenen Strategien. Diese Phase nennt man Moratorium. Nach Durchlaufen dieser Auswahl kann man von einer erarbeiteten Identität sprechen.

Während der Identitätsdiffusion und des Moratoriums sind Jugendliche ausgesprochen experimentierfreudig. Neue Erfahrungen werden gesucht, vieles ausprobiert. Dies ist Voraussetzung für die Erarbeitung einer Identität. Die Folge des Ausprobierens können extreme Schwankungen in Haltungen  und Geschmack, starke Ambivalenzen, auch in Gefühlen zur Familie und Anfälligkeiten für Risiken (Drogen, verfrühte sexuelle Aktivität) sein.

Identitätsfindung in Beziehung zur Umwelt

Die Identität wird nicht nur vom Jugendlichen allein gefunden, sondern in Wechselbeziehung zur Umwelt. Zur Umwelt gehören Familie, Schule/Beruf, Peergroup, PartnerIn und – als Besonderheit von Pflegekindern: die Herkunftsfamilie.

Bedeutung der Familie: Sie ist gleichzeitig Objekt der Abgrenzung und sicherer Hafen, aus dem heraus die Umwelt erkundet werden kann.
Bedeutung der Peergroup: Sie stützt den Ablösungsprozess und vermittelt zugleich neue Formen der Beziehung. Sie gewährleistet gleichzeitig die Freiheit, sich auszuprobieren und zu erproben und die Abhängigkeit durch Schaffung neuer, fester Beziehungen. Sie kann zur Orientierung und Stabilisierung beitragen und emotionale Geborgenheit gewähren.
Bedeutung der Vergangenheit/der Herkunftsfamilie: Die Suche nach den eigenen Wurzeln kann bei den Jugendlichen dazu führen, dass sie zwischen mehreren Identitäten schwanken. Sie müssen sich mit den Pflegeeltern (psychologischen Eltern), mit den leiblichen Eltern (biologischen Eltern) und den Motiven für ihre Fremdunterbringung auseinandersetzen. Das überfordert die Psyche erheblich. Zurückliegende und vergessen geglaubte Erfahrungen können das Pflegekind plötzlich überwältigen und den Alltag der Pflegefamilie maßgeblich beeinflussen.

Konflikte in der Pubertät

Reibungen wird es immer geben, sie sind Voraussetzung, um auf die nächste Stufe zu kommen.
Auseinandersetzungen mit den Pflegeeltern fallen nicht selten heftig aus, denn die entwicklungsbedingten Fragen von Zugehörigkeit und Identität sind für Pflegekinder nicht einfach zu beantworten.
Unsere Pflicht ist deshalb, sie sensibel zu begleiten und zu vermitteln, dass man immer für sie da ist. Dabei sind jedoch auch Grenzen zwischen gleichberechtigten Partnern auszuhandeln bzw. zu setzen, die dann auch eingehalten werden müssen. Im Gespräch bleiben, Angebote unterbreiten und Versprechen halten, Vorbild sein durch Vorleben. Konfrontation bringt keine Erfolge, wirkt kontraproduktiv und kostet viel Energie!

Förderliche Erziehungshaltungen
o anregen und fördern
o klar und konsequent sein – ohne in Starrheit zu verfallen
o Grenzen setzen
o Regeln aushandeln
o angemessene Anforderungen an das Kind richten
o wertschätzen und mögen (lieben)
o einfühlen und verstehen
o Vorbild und „Modell“ sein
o Zeit haben
o Unterstützung bei der Suche bieten (z.B. bei der Biographiearbeit)

Quellen:

Bausch, G.: Pubertät bei Pflege- und Adoptivkindern. Referat bei der Fachtagung des Landesverbandes der Pflege- und Adoptiveltern in Bayern e.V. Hilpoltstein 1991
Havighurst, R.J.: Developmental Tasks and Education. New York 1948

Literatur zur Biographiearbeit:
Ruhe, Hans-Georg: Methoden der Biographiearbeit. Weinheim und Basel 1998
Ryan, Tony und Walker, Roger: Wo gehöre ich hin? Biographiearbeit mit Kindern und Jugendlichen. Weinheim und Basel 1997
Wiemann, Irmela: Wie viel Wahrheit braucht mein Kind? Reinbeck bei Hamburg 2001