Was sind Übertragung und Regression – von Frau Ritter

Übertragungen

Der Begriff  „Übertragungen”  wurde vor über 100 Jahren von Siegmund Freud gebraucht. Ein Psychologisches Phänomen, bei dem Patienten ihre Gefühle und Verhaltensweisen auf andere Personen übertragen. Dabei werden bewusst oder unbewusst Wünsche, Ängste und Konflikte mit lebensgeschichtlich bedeutsamen Personen oder Ereignissen in der Gegenwart wiederholt und einer anwesenden Person übergestülpt. Traditionellerweise wird die Übertragung in der Psychoanalyse als Wiederholung der Beziehungsformen gesehen. Beziehungsformen, die einen  kindlich  unterentwickelten und unreifen Ursprung haben.

Die Medizin geht heute davon aus, dass Lebensumstände, die Stress und Angst erzeugen, neurobiologische Veränderungen der Struktur und Funktion des Gehirns hervorrufen. Diese führen ihrerseits zu konflikthaftem Erleben und zu gestörten sozialen Beziehungen. Das menschliche Gehirn ist verantwortlich für Wahrnehmung und Denken, es bestimmt wie wir uns selbst empfinden, wie wir uns verhalten und an was wir uns erinnern.

In den verschiedenen Phasen der Entwicklung des Kindes entfalten sich zuerst diejenigen Bereiche im Vorderhirn, die mit Wahrnehmen und Erinnern zu tun haben, den so genannten kognitiven Funktionen. Ein “Ich” das über sich sprechen, nachdenken und reflektieren kann, bildet sich nicht vor dem Ende des 3. Lebensjahres heraus.

Regression

Regression ist ein psychologischer Schlüsselbegriff und bedeutet, Rückgang auf eine frühere eigentlich schon überwundene Entwicklungsphase der Ich-Funktion. Ein positiver Aspekt wäre das Rückgreifen auf Bekanntes, denn das gibt Sicherheit. Die Fähigkeit zur Regression ist eine wichtige Eigenschaft des Menschen, sie kann helfen zu entspannen und los zu lassen.
Sie ist aber auch ein Abwehrmechanismus, den das “Ich” bewusst oder unbewusst einsetzt, um im Alltag mit beängstigenden oder schmerzlichen Situationen klar zu kommen. Problematisch wird es wenn regressives Verhalten genutzt wird, um inneren oder äußeren Konflikten auszuweichen. Menschen neigen unter psychischer Belastung häufig dazu, auf längst überwunden geglaubte Verhaltesweisen zurück zu gehen, nicht selten dabei das Einnässen, Daumenlutschen, Haarlockendrehen, Nägelkauen u. a.

Die wichtigste Erfahrung eines Kindes ist, dass es durch seine Eltern Schutz und Geborgenheit erfährt. Dass seine Bedürfnisse nach liebevoller Zuwendung, Sättigung, Wärme, Sauberkeit und zu seiner Zufriedenheit erfüllt und dadurch mit positiven Gefühlen verbunden werden.
Eine zweite Erfahrung, die von entscheidender Bedeutung ist, erinnert das Kind daran, dass es Bedrohungen oder Störungen des inneren Gleichgewichtes nach einer Weile wieder kontrollieren kann. Sie lösen erst einmal negative Gefühle aus.

Störungen z. B. durch Zeitverzögerung beim Füttern und Windeln (das Kind hat Hunger und schreit, Mama kommt nicht sofort, das Kind schreit noch mehr ð Mama kommt und kümmert sich um mich)

Bedrohungen z. B. durch zu heiße Speisen oder Badewasser (das Kind schreit auf  ð Mama reagiert sofort, tröstet das Kind, Milch oder Badewasser werden abgekühlt)

Beide Erfahrungen können nur dann aus dem Gedächtnis abgerufen werden, wenn diese auch vom Kind “erfahren wurden”, es also selbst “erlebt” hat und wie viel Positives oder Negatives?
Die schon in frühster Kindheit erworbenen und im Gehirn gespeicherten Informationen bestimmen unser Handeln bis in das Erwachsenenalter. Beeinflusst wird dadurch auch die Art und Weise, mit der das Kind sich später achtet und selbst bewertet. Frühkindliche Störungen werden in der Familie erworben und haben ihre Ursachen im Fehlverhalten von Erwachsenen.
Wie verhalte ich mich?

Pflegekinder haben eine schmerzvolle Vergangenheit, sie wurden vernachlässigt, misshandelt oder sexuell missbraucht. Sie leiden unter den traumatischen Erfahrungen und sind bindungsgestört. Sie stehen unter dem Zwang der Wiederholung, unbewusst provozieren sie genau die Situationen unter denen sie am meisten gelitten haben und sind reizempfindlich gegenüber Stress. Sie möchten dieselbe Situation erleben, aber mit positiven Gefühlen, ohne Angst und Schmerz. Dabei erlebe ich mich als Pflegemutter regelmäßig in Übertragungssituationen, nur bin ich mir dessen nicht immer bewusst. Ich muss lernen bewusst damit umzugehen, dies ist besonders wichtig für meine eigene Wut in der Gegenübertragung. Das nochmalige “Durchleben der Gefühle” ist notwendig und therapeutisch wertvoll zur Verarbeitung des eigenen Selbstbildes meines Pflegekindes.

Pflegeeltern leisten einen sehr wichtigen Beitrag, wir geben unseren Kindern nicht nur ein neues zu Hause,  sondern eine Familie, die Geborgenheit und Schutz bietet. Unsere Kinder brauchen vor allem Verständnis und echtes Mitgefühl. Wir brauchen Geduld, denn wir müssen ertragen können, wenn uns die Pflegekinder in Übertragungsbeziehungen Misstrauen, Wut oder Hass entgegenbringen, weil sie uns in ihrer Wahrnehmung als rücksichtslos, grausam und höchst beängstigend erleben.

Eine Integration in meine Pflegefamilie kann nur gelingen, wenn ich die gezeigten unverständlichen kindlichen Verhaltensweisen im Rahmen einer Übertragung erkenne und mich nicht von heftigen Affekten und oftmals unerträglichen Gefühlen mir gegenüber vom eigentlichen Inneren des Kindes ablenken lasse, sondern es annehme, halte und schützend begleite. In den Übertragungssituationen kommt es zu einer verzerrten Wahrnehmung, dessen muss ich mir bewusst sein, um meine eigenen Gefühle zu kontrollieren.

Es muss für meine Pflegekinder im Alltag spürbar werden, dass sie bei mir in Sicherheit sind, dass ich mit ihnen fühle und sie verstehe. Sie benötigen nicht nur einen sicheren Ort sondern auch Distanz zu angstauslösenden Personen. Dies habe ich besonders bei Umgangskontakten zu den Herkunftseltern zu beachten. Meine Kinder brauchen meine solidarische Haltung und die Erlaubnis sich von den Bindungspersonen zu distanzieren. Nur so kann eine vertrauensvolle Beziehung zwischen uns wachsen. Ich spende Trost in den Phasen der Angst, vermeide angstauslösende Erinnerungen durch: Geräusche, Gerüche, Gegenden oder Personen, motiviere durch Lob und Anerkennung und unterstütze sie in den Dingen, die ihnen Freude bereiten.

Über einen langen Zeitraum kann mein Kind genügend neue, emotional befriedigende Beziehungserfahrungen machen. Könnten diese dann auch noch verinnerlicht werden, wäre damit der traumatische Einfluss zu korrigieren, die schmerzlichen Erlebnisse als die eigene Lebensgeschichte angenommen und können in ein neues Selbstbild integriert werden. Dafür möchte ich mich einsetzen, um den Kindern eine positivere Entwicklung ihres Lebensweges zu ermöglichen.

Quellenverzeichnis:
www.hr-online.de/website
Skript von Hildegard Niestroj