Umgang mit traumatisierten Pflegekindern – von Frau Lüer

Zum Thema Trauma stand uns als Referentin Frau Hildegard Niestroy hilfreich an 2 Tagesseminaren zur Seite. Sie zeigte uns, in beeindruckender Art und Weise, an sehr vielen Beispielen zu erkennen, den Weg eines traumatisierten Kindes auf. Den Weg, den traumatisierte Kinder hilflos gegangen sind, aber mit unserer Hilfe, Auswege aus der Angst, den traumatischen Erfahrungen aufgezeigt bekommen. Dazu möchte ich nun meine Eindrücke wiedergeben:

Kinder mit einer schweren Vergangenheit meinen sich selbst zu schützen, wenn sie diese ausblenden. Sie wollen und können oft nicht darüber sprechen.
Das Unbewusste des Kindes arbeitet jedoch unaufhörlich und lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Im Laufe der Zeit kommt es bei Nichtwahrnehmung und Nichtbeachtung zu verstärkend psychosomatischen Erkrankungen. Konfrontationen mit der früheren Umwelt führen immer wieder zu unerträglichen Stresssituationen mit Angstübertragungen, so dass das Kind nicht zur Ruhe kommen kann und die Narben der seelischen Verletzungen immer wieder aufbrechen. Schädigende Lebensbedingungen müssen beendet und das Kind vor weiterer Traumatisierung dauerhaft geschützt werden. Positive Lebensbedingungen für ein gesundes Aufwachsen des Kindes, in der Pflegefamilie müssen geschaffen werden. Hilfreich ist es, wenn ein Kind seine eigene Situation in der Herkunftsfamilie realistisch wahrnehmen konnte und in Worte fassen kann.

Kommt ein traumatisiertes Kind zu Pflegeeltern kann ihm seine Pflegefamilie, die nicht funktionierende Herkunftsfamilie ersetzen. Um das entstandene tiefe Misstrauen aufgeben zu können, muss ein seelisch verletztes Kind aber immer wieder auf das Neue erfahren, dass es in der neuen Eltern-Kind-Beziehung keine Gewalt, keine Misshandlungen und auch keinen anderen  Mangel mehr erleiden muss. Pflegeeltern sollten das Kind auf liebevolle Art und Weise, nicht auf materialistische, durch dick und dünn auf seinem weiteren Lebensweg begleiten. Der Wechsel zum neuen Beziehungspartner muss deutlich vom bisherigen zu unterscheiden sein.

Es hilft zur Wahrnehmung positiver Beziehungserfahrungen unbedingter Rücksichtnahme seiner schwächen und Verletzlichkeiten. Dieser Prozess kann viele Jahre dauern und bedarf Geduld, Durchhaltevermögen und einen gekonnten Umgang mit heiklen Situationen. Das Kind benötigt eine sichere Distanz zu den angstauslösenden Bindungspersonen der Vergangenheit. Die Verarbeitung des Traumas kann erst erfolgen, wenn die Traumatisierung endgültig beendet, und das Kind nicht weiterhin schädigenden Einfluss des Täters oder der Täterin ausgesetzt ist.

Das gilt insbesondere für Umgangskontakte. Das geschehene darf nicht verleugnet werden. Angst und Ohnmachtgefühle sollen abgewendet und der
Genesungsprozess angestrebt werden. Das Kind würde sonst einer erneuten Kindswohlgefährdung ausgesetzt. Pflegeeltern sollten daher bei der Aufnahme eines Pflegekindes, so genau wie nur möglich über die Vorerfahrungen, informiert werden. So ist es möglich gezielt auf einzelne Probleme einzugehen. Es ist unabdingbar die Realität des Traumas anzuerkennen da das Kind dazu neigt an der Realität des Vorgefallenen zu zweifeln. Man muss aber darauf gefasst sein das das Kind in Übertragungsbeziehungen uns zeitweilig als z.B. rücksichtslos, grausam, einengend, gleichgültig und beängstigend empfunden wird.

Pflegeeltern müssen lernen mit diesem Ärger der Wut und Frustration umzugehen. Um auf diese Situationen bewusst einzugehen nehmen wir an Fortbildungsseminaren teil. Diese erleichtern den alltäglichen Umgang und man kann auf heikle Situationen gezielter eingehen. Wichtig ist dabei auf das Bauchgefühl zu vertrauen um bestmögliche Entscheidungen zu treffen. Liebe geben, dem Kind das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Dies nicht nur tageweise, nein. Das Kind braucht da das unbedingte Gefühl das es für immer so sein wird. Zeichen setzen das vergangene schlechte Zeiten für immer vorbei sind. In der Phase der Anpassung und Annahme werden die grundlegenden Vorraussetzungen für die Zukünftige Situation und Entwicklung des Kindes geschaffen. Diese sollten immer aufs Neue abgesichert werden. Zur Stabilisierung des Kindes sind folgende Maßnahmen wichtig.

  • Aufbau einer Tragfähigen Beziehung,
    §Unterstützung des Kindes bei der Bewältigung der Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft,
    § Schaffen einer absolut sicheren Umgebung.
    Konkrete Hinweise für traumatische Entwicklungsstörungen sind z.B.
    § gestörter Nachtschlaf,
    § Ernährungsstörungen,
    § schwere Ängste,
    § mangelndes Spielvermögen,
    § Lern- und Leistungsstörungen,
    § gestörte Affektregulierung und eingeschränkte Zukunftserwartung zeigen sich im Alltagsgeschehen.

Dieses Zusammenspiel ergibt ein chronisches Unsicherheitsgefühl welches alles Unbekannte zur Bedrohung werden lässt. Phantasie und Realität können nur noch schwer auseinander gehalten werden. Da das Kind in bestimmten Situationen im Umgang mit der Pflegefamilie an Situation der Herkunftsfamilie erinnert wird, kann es auch in Zeiten der Sicherheit, zu einer erneuten Traumatisierung kommen. Man spricht da von verzerrten Wahrnehmungen.
Den Pflegeeltern sollte es gelingen diese Verhaltensweisen zu erkennen und den Konflikt des Kindes so zu lösen das es sich von bedrohlichen Bildern distanziert. Das erfordert ein hohes Maß an Toleranz, Einfühlungsvermögen und Verständnis. Nur so kann das Kind selbst lernen klarer zu unterscheiden.
Weitere traumatische Situationen für das Kind sind
§ Aussagen vor Gericht oder gerichtlich erwirkte Anhörungen,
§ Besuchskontakte,
§ Unterbreiten von Fotos oder Beeinflussungsversuche durch zusenden von Briefen, Fotos, oder anderen Dingen.

Das Kind muss in seinem ICH gestärkt werden um Spannungszustande besser zu ertragen. Die Ich-Funktion zur Realitätsprüfung und (Wieder-)erlangen der Kontrolle des Kindes, über sich selbst und seine Umwelt, wichtig.  Ohne Nörgeln soll man unterstützen, in Bereichen die ihm Freude bereiten z.B. Sport und Spiel. Mit Lob und Anerkennung motivieren. Wichtig ist auch dem Kind sinnvolle Grenzen zu setzen. Das Kind neigt sonst dazu zu heftig zu reagieren und Grenzen zu Ignorieren und zu überschreiten. Grenzen setzen heißt auch vor erneuter Reizüberflutung zu schützen.

Man sollte Worte für das geschehend finden, welche zur Überwindung der Sprachlosigkeit des Traumas sogen. Es muss ein Kline geschaffen werden, welches dem Kind ermöglicht, seine wahren Gefühle auch die negativen offen zum Ausdruck zu bringen. Wenn sich Pflegeeltern dieser Gefühle bewusst annehmen kann das Kind Zugang zu seinen abgewehrten Gefühlen bekommen und wieder anfangen zu fühlen. Es soll seine eigenen Gefühle erkennen, diese in Worte fassen, und mit dem jeweiligen Geschehen in Zusammenhang bringen.

Traumata sind geprägt durch absolute Ausweglosigkeit. Konflikte sollte man deshalb nicht hochschaukeln, sondern vorher aussteigen. Das Kind kann sich sonst, in dieser Zeit, nicht kontrollieren. Es fühlt sich in die Enge getrieben und völlig hilflos. Das Kind braucht in diesen Momenten eine Art Notausgang bei dem wir es unterstützen. Um das Kind im Prozess der Genesung zu unterstützen. Eine Strukturierung des Alltages hilft ihm Gefühle für Zeitabläufe zu steuern dadurch kann Gegenwart und Zukunft mehr Raum gegeben werden. Die eingeschränkte Zukunftserwartungshaltung des Kindes wird so überwunden. Das wichtigste aber ist die Überwindung der sozialen Isolation, die Schaffung eines unterstützenden Umfeldes.

Die Isolation ist eine der Grunderfahrungen des psychischen Traumas, Pflegeeltern und Kinder brauchen zur Überwindung dieses Gefühls Rückhalt von Personen des näheren Umfelds. Eine frühzeitige qualifizierte Beratung und Begleitung kann eine angespannte Eltern-Kind Beziehung stark entlasten. Druck und Ärger werden so abgefedert und es können neue Impulse entstehen. Abschließend bleibt zu sagen, dass die Hilfestellung immer situationsbedingt ist.