Sonderpädagogischer Förderbedarf, Antragsverfahren – von Frau Gutsche

1. Gesetzliche Grundlagen

Grundlagen für das Verfahren sind:

  • Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt (SchulG LSA) in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 2005
  • Verordnung über die Sonderpädagogische Förderung vom 2. August 2005 (VSpF)
  • Runderlass  des MK vom 26.01.2004

2. Sonderpädagogische Förderung

  • 3, Sonderpädagogische Förderung
    (1) Sonderpädagogische Förderung ist bei Kindern und Jugendlichen anzunehmen, die in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten so beeinträchtigt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht hinreichend gefördert werden können.
    (2) Sonderpädagogische Förderung setzt die Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs voraus und erfolgt im gemeinsamen Unterricht an der allgemeinen Schule oder in der Förderschule.
    (3) In Fällen langfristiger Erkrankung wird Sonderunterricht eingerichtet.

3. Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs

  • 8, Anmeldung zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs
    Wer?
    §Erziehungsberechtigte oder
    §Schule (Erziehungsberechtigte müssen benachrichtigt werden)
    Wo und wie?
    Schriftlich ans Landesverwaltungsamt (mit umfassendem Klassenleiterbericht)
    Wann?
    Bis zum 20. Dezember
    Anmeldung vor Beginn der Schulpflicht?
    § Zustimmung der Erziehungsberechtigten und Entwicklungsbericht erforderlich

Runderlass  des MK vom 26.01.2004:
Wird ein besonderer Förderbedarf bei der Einschulungsuntersuchung (die jetzt im Frühjahr des Vorjahres der Einschulung stattfindet) festgestellt, werden medizinische oder pädagogische Maßnahmen zur Förderung des Kindes festgelegt. Nach einem halben Jahr kann eine zweite Untersuchung durchgeführt werden. Dabei sollen die vom Kind erreichten Entwicklungsfortschritte erfasst werden und über weitere Maßnahmen wird entschieden. Bestehen weiter Bedenken zur normalen Einschulung in die Regelschule, ist ein Jahr Rückstellung möglich oder es wird eine Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs angemeldet.
Auch unsere Tochter Nelly haben wir für die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs beim Schulamt Staßfurt angemeldet, als sie noch den Kindergarten besuchte. Einen Entwicklungsbericht vom Sozialpädiatrischen Zentrum Magdeburg legten wir bei.

  • 9, Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs
    Ob das Kind einen sonderpädagogischen Förderbedarf hat, entscheidet das Landesverwaltungsamt.
    Eine Förderschule erstellt ein sonderpädagogisches Gutachten, darin wird dargestellt:
    §die Art und der Umfang körperlicher, geistiger, sprachlicher, sozialer und seelischer Beeinträchtigungen,
    §die Bedingungen der Lebenssituation,
    § das Lernumfeld,
    § die individuelle Lern- und Leistungsfähigkeit,
    § der schulische Leistungsstand,
    § der sonderpädagogische Förderbedarf des Schülers,
    § die sich damit verbindenden Vorraussetzungen der Förderung

Es werden geeignete Erhebungen von einer Lehrkraft mit sonderpädagogischer Ausbildung oder langjähriger Unterrichtserfahrung an Förderschulen durchgeführt, in der Regel am Lernort des Schülers.
Bei uns war es so, dass die überprüfende Lehrerin nicht etwa in Nellys Kindergarten kommen konnte, sondern dass Nelly 2 Wochen in einer Klasse mit 6 Kindern der Behindertenschule XXX am Unterricht teilnahm. Da sie sehr kontaktfreudig ist, hatte Nelly damit zum Glück kein Problem. Die Lehrerin hatte nur eine Praktikantin zur Unterstützung, und konnte sich deshalb nicht wirklich um Nelly kümmern.
Die Erziehungsberechtigten
§ bekommen die Aussagen des Gutachtens erörtert
§ bestätigen schriftlich die Einsichtnahme in das Gutachten
§ können dem Gutachten ihre Stellungnahme zur Förderung ihres Kindes beifügen

Das sonderpädagogische Gutachten wird dem Landesverwaltungsamt bis zum 20. April vorgelegt.
Auch ich hatte ein abschließendes Gespräch mit der Lehrerin und bekam Einblick in das Gutachten, dass sie von Nelly erstellt hatte. Sie empfahl die  Beschulung an einer Schule für geistig Behinderte. So war auch unsere Einschätzung, und ich konnte das Gutachten freudig unterschreiben. Die Lehrerin, die im nächsten Schuljahr die Unterstufe übernehmen würde, an dieser für uns zuständigen Schule, sah sich schon als zukünftige Klassenlehrerin unserer Tochter und warnte mich mit diesen Worten vor: „Frau Gutsche, da machen sie sich mal keine so großen Hoffnungen, die bleiben sowieso alle so wie sie sind.“ Uns ging dann der Bescheid vom Schulamt zu: Hiermit verfüge ich die Einschulung in die Schule für geistig Behinderte XXX.

  • 10, Entscheidungsempfehlung durch eine Fachkommission

Wenn
§ ein Antrag auf gemeinsamen Unterricht vorliegt
§ die Erziehungsberechtigten mit dem sonderpädagogischen Gutachten nicht einverstanden sind
§ die Bedingungen zur Förderung einer umfassenden Absprache bedürfen
ist eine Fachkommission einzurichten.
Diese soll eine Empfehlung für die zu treffende Entscheidung erarbeiten, ist das nicht möglich, sind Einzelvoten aufzuführen.

Mitglieder der Fachkommission sind:
§ die Erziehungsberechtigten
§ der Lehrer der das Gutachten geschrieben hat
§ die Schulleiter der besuchten und zukünftig zu besuchenden Schule
§ ein Vertreter des Schulträgers
§ der schulfachliche Referent des Schulamtes

  • 11, Entscheidung über schulische Maßnahmen
    Wenn die Entscheidung der Fachkommission von den Vorstellungen der Erziehungsberechtigten abweicht oder wenn den Empfehlungen der Fachkommission nicht entsprochen werden kann, ist den Erziehungsberechtigten noch einmal Gelegenheit zu einer Äußerung zu geben, bevor das Landesverwaltungsamt seine Entscheidung trifft. Wurde ein Förderbedarf festgestellt, dann entscheidet das Schulamt Art und Umfang der schulischen Maßnahmen:
    §den gemeinsamen Unterricht oder den Schulbesuch in einer Förderschule,
    §den zu besuchenden Schuljahrgang,
    § die anzuwendenden Rahmenrichtlinien,
    § den Förderumfang,
    § die Förderinhalte,
    § gegebenenfalls die Einrichtung besonderer Förderbedingungen

Die Förderung kann befristet sein, endet aber spätestens mit der Schulentlassung. Die Erziehungsberechtigten erhalten schriftlich bis zum 20. Mai Bescheid. Innerhalb eines Monats kann Widerspruch eingelegt werden. Das sonderpädagogische Gutachten geht an die zukünftige Schule und ist die Grundlage pädagogischen Handelns.

Natürlich wollten wir auf keinen Fall, dass Nelly in der XXX Schule aufbewahrt wird. Also suchten wir eine gute Schule für sie und fanden die Katharinenschule  in Schneidlingen. Wir beantragten ihre dortige Einschulung beim Schulamt und erhielten kurz darauf den Bewilligungsbescheid.
Nelly geht mittlerweile in die Mittelstufe der Katharinenschule und sie geht gern. In der Schule herrscht ein freundliches Klima und es gibt ein gutes Miteinander. Sie hat einen abwechslungsreichen Stundenplan und erhält optimale Förderung. Sie rechnet schon bis 10 und lernt Lesen und Schreiben.
Sie ist nicht geblieben wie sie war – und darüber sind wir sehr froh.