Sonderpädagogischer Förderbedarf, Anspruchsvoraussetzungen – von Herrn Gutsche

1. Gesetzliche Grundlagen

Die rechtliche Grundlage für die sonderpädagogische Förderung im Land Sachsen-Anhalt ist die Verordnung über die Sonderpädagogische Förderung vom 02. August 2005.

Initiiert wurde diese neue Verordnung durch eine Empfehlung zur sonderpädagogischen Förderung in den Schulen in der Bundesrepublik Deutschland der ständigen Kultusministerkonferenz vom 06.05.94:
Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der behinderten und von Behinderung bedrohten Kinder und Jugendlichen auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie unterstützt und begleitet diese Kinder und Jugendlichen durch individuelle Hilfen, um für diese ein möglichst hohes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbständiger Lebensgestaltung zu erlangen. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 06.05.1994)

2. Welche Kinder sollen sonderpädagogische Förderung bekommen?

  • §  2 und 3 der VspF:
  • 2, Ziele und Aufgaben
    (1) Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollen durch sonderpädagogische Förderung im Unterricht eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende Bildung und Erziehung erhalten. Durch individuelle Hilfen soll ein möglichst hohes Maß an schulischer Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbständiger Lebensgestaltung erreicht werden.
    (2) Der Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird entsprechend der individuellen Lernausgangslage, des Leistungsvermögens und der physisch-psychischen Belastbarkeit differenziert gestaltet. Über vielfältige Lernformen sind die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser Schülerinnen und Schüler in den verschiedensten Kompetenzbereichen zu entwickeln. Eine alters- und entwicklungsgerechte Förderung ist sicherzustellen.
  • 3, Sonderpädagogische Förderung
    (1) Sonderpädagogischer Förderbedarf ist bei Kindern und Jugendlichen anzunehmen, die in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten so beeinträchtigt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule (allgemein bildende Schulen ohne Einbeziehung der Förderschulen) ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht hinreichend gefördert werden können.
    (2) Sonderpädagogische Förderung setzt die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs voraus und erfolgt im gemeinsamen Unterricht an der allgemeinen Schule oder in der Förderschule.
    (3) In Fällen langfristiger Erkrankung wird Sonderunterricht eingerichtet.
  • 4 der VspF:
    § 4, Sonderpädagogische Förderschwerpunkte
    Sonderpädagogische Förderschwerpunkte, die eine sonderpädagogische Förderung zur Folge haben können, sind
    1. das Lernen,
    2. die geistige Entwicklung,
    3. die emotionale und soziale Entwicklung,
    4. die Sprache,
    5. das Hören,
    6. das Sehen,
    7. die körperliche und motorische Entwicklung,
    8. die langfristige Erkrankung und
    9. autistisches Verhalten.
    Diese Förderschwerpunkte umschreiben die möglichen Arten der Beeinträchtigungen der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Diese Förderschwerpunkte hat die Kultusministerkonferenz ebenfalls näher definiert und Grundlagen für die Berücksichtigung der Förderung auf dem jeweiligen Gebiet der Beeinträchtigung gegeben:
    Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Lernen
    Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Bereich des Lern- und Leistungsverhaltens, insbesondere des schulischen Lernens, und des Umgehen-Könnens mit Beeinträchtigungen beim Lernen auf eine ihren individuellen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie soll die Schülerinnen und Schüler mit Lernbeeinträchtigungen darauf vorbereiten, erfolgreich und weitgehend selbständig ihr Leben in Familie und Freizeit, in Gesellschaft und Staat, in Berufs- und Arbeitswelt, in Natur und Umwelt zu bewältigen. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.10.1999)
    Beispiele: LRS, Dyskalkulie,
    Empfehlungen zum Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
    Sonderpädagogische Förderung von Schülerinnen und Schülern mit geistiger Behinderung beinhaltet eine alle Entwicklungsbereiche umfassende Erziehung und Unterrichtung unter besonderer Berücksichtigung der praktischen Bewältigung ihres Lebens. Für eine aktive Lebensbewältigung in sozialer Integration und für ein Leben in größtmöglicher Selbständigkeit und Selbstbestimmung sind Förderung und spezielle Lern- und Eingliederungsangebote erforderlich. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 26.06.1998)
    Beispiele: Geistige Behinderung,
    Empfehlungen zum Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung
    Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung auf eine ihren individuellen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung verwirklichen helfen. Emotionales Erleben und soziales Handeln beziehen die emotionale und soziale Entwicklung, die Selbststeuerung sowie das Umgehen-Können mit Störungen des Erlebens und Verhaltens ein. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.03.2000)
    Beispiele: Aggressionen, ADHS, traumatisierte Kinder, emotional vernachlässigte Kinder
    Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Sprache
    Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Bereich der Sprache auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Es soll erreicht werden, dass die Kinder und Jugendlichen über einen dialoggerichteten Gebrauch Sprache aufbauen und ausgestalten, diese in Bewährungssituationen anwenden, sich als kommunikationsfähig erleben und lernen, mit sprachlichen Beeinträchtigungen und deren Auswirkungen umzugehen. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 26.06.1998)
    Beispiele: Dyslaie, Sigmatismus, Dysgrammatismus, SEV, SES, Stottern, Poltern, Stimmstörung, Aphasie, Kinder mit Migrationshintergrund
    Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Hören
    Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Bereich des Hörens, der auditiven Wahrnehmung, des Spracherwerbs, der Kommunikation sowie des Umgehen-Könnens mit einer Hörschädigung auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie soll die Schüler und Schülerinnen mit Hörschädigungen zur Eingliederung in die Welt der Hörenden befähigen und auf die Gemeinschaft mit den Hörgeschädigten vorbereiten. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.05.1996)
    Beispiele: Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit, Kinder mit CI

Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Sehen
Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Schwerpunkt Sehen, visuelle Wahrnehmung und Umgehen-Können mit einer Sehschädigung auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie soll dazu beitragen, Schülerinnen und Schülern mit Sehschädigungen aller Arten und Grade die Umwelt zu erschließen und die Entwicklung von Orientierung und Verhalten bei Anforderungen des Alltags in bekannter und unbekannter Umgebung zu fördern. Die sonderpädagogische Förderung ist darauf angelegt, die Identitätsfindung der sehgeschädigten und wahrnehmungsgestörten jungen Menschen zu unterstützen. Ziel ist dabei, ein möglichst hohes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbständiger Lebensgestaltung zu gewährleisten. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 20.03.1998)
Beispiele: Blinde, Sehbehinderte

Empfehlungen zum Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung
Sonderpädagogische Förderung unterstützt und begleitet Schülerinnen und Schüler – auch die mit einer schweren Mehrfachbehinderung – durch individuelle Hilfen beim Erkennen eigener Handlungsmöglichkeiten und bei der Erweiterung der Fähigkeiten zum Handeln. Die eingeschränkten Ausdrucks-, Bewegungs- und Kommunikationsmöglichkeiten haben Auswirkungen auf die Selbstentfaltung und das soziale Umfeld; die Schülerinnen und Schüler sollen jedoch Kompensationsformen und Hilfen zur Bewältigung eines erschwerten Lebens erlernen. Sonderpädagogische Förderung trägt dazu bei, trotz behinderungsbedingter Abhängigkeiten zur größtmöglichen Eigenständigkeit zu finden und die individuellen Entwicklungspotentiale zu nutzen, um Fähigkeiten, Können, Wissen zu erwerben. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 20.03.1998)
Beispiele: Körperbehinderte, Kinder mit sensorischen Integrationsstörungen

Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Unterricht kranker Schülerinnen und Schüler
Erziehung und Unterricht sind für kranke Kinder und Jugendliche von besonderer Bedeutung. Der Unterricht bietet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, trotz ihrer Krankheit mit Erfolg zu lernen; Befürchtungen, in den schulischen Leistungen in Rückstand zu geraten, werden vermindert. Unterricht kann auch die physische und psychische Situation der kranken Kinder bzw. Jugendlichen erleichtern. Sie können lernen, mit der Krankheit besser umzugehen sowie den Willen zur Genesung zu stärken. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 20.03.1998)
Beispiele: Chronisch kranke Kinder, Kinder mit vielen stationären Aufenthalten

Empfehlungen zu Erziehung und Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten
Die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten erfordert eine Erziehung und einen Unterricht, die sich auf alle Entwicklungsbereiche beziehen. Für eine aktive Lebensbewältigung in größtmöglicher sozialer Integration und für ein Leben in weitgehender Selbstständigkeit und Selbstbestimmung sind spezielle Eingliederungs- und Lernangebote erforderlich. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.6.2000)
Beispiele: Asperger-Syndrom, frühkindlicher Autismus, Rett-Syndrom, Heller-Syndrom

3. Ausgrenzungen

3.1. Überwundene Ausgrenzungen
Sonderpädagogische Förderung als pädagogische Aufgabe unabhängig von einer Institution steht im Mittelpunkt. Deutlicher noch wird der Grundansatz, wenn dem Begriff „sonderpädagogische Förderung“ der des „sonderpädagogischen Förderbedarfs“ zugeordnet wird.
Sonderpädagogischer Förderbedarf ist ein Bedarf des einzelnen. Er wird erkannt, festgestellt und diagnostiziert. Er kann sehr unterschiedlich sein in Umfang, Ausprägung und Entstehung. Er ist immer durch pädagogische Intervention beeinflussbar – sonderpädagogische Fördermaßnahmen müssen, bezogen auf ihn, entwickelt werden, ein individueller Förderplan aufgestellt und umgesetzt werden.
Die Förderung hat das Ziel, Kinder und Jugendliche durch individuelle Hilfen so zu unterstützen, dass sie ein möglichst hohes Maß an schulischer und berufliche Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbständiger Lebensgestaltung erreichen. Dabei dürfen die Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht nur unter diesem Blickwinkel gesehen werden, er stellt immer nur einen Aspekt der Gesamtpersönlichkeit dar. Ausgangspunkt für die Förderung sind jeweils die bereits entwickelten Fähigkeiten.
Möglichkeit von mehreren Förderschwerpunkten, nicht nur einem, mobile Dienste wo an einer Institution Kompetenz benötigt wird. Alle Kinder werden erfasst, vom Schwerstmehrfach behinderten Menschen bis zum Zappelphilipp.
Zweidimensionalität:
Veränderung, die möglichst auf den Abbau der Beeinträchtigung hinzielt, aber auch auf das Umgehen – können dort, wo Abbau nicht möglich ist.

Verhaltensmerkmale:
§ eine übermäßige Beschäftigung mit Dingen, die nicht der Aufgabenstellung durch die Lehrperson  entsprechen (verkürzt als „Aufmerksamkeitsstörung“ bezeichnet) oder
§ eine auffällig rasche und offenbar unreflektierte Befassung mit der vorgegebenen Aufgabenstellung (verkürzt als „Impulsivität“ bezeichnet) oder
§ motorische Unruhe (verkürzt als „Hyperaktivität“ bezeichnet) oder
§ eine Kombination solcher Verhaltensweisen (ein so genanntes „Syndrom“).

Folgen:
Durch die genannten Verhaltensweisen wird, insbesondere wenn sie in Kombination und gehäuft auftreten, die Beziehung zwischen dem Kind oder Jugendlichen und der Lehrperson erfahrungsgemäß stark belastet – wie häufig auch die Beziehung zu den Mitschülerinnen und Mitschülern sowie zu den Eltern. Dadurch sind die Entwicklungschancen dieses Kindes oder Jugendlichen beeinträchtigt.
Aus einer solchen Ausgangslage heraus ergibt sich zunächst ein besonderer pädagogischer Förderbedarf. Diesem zu entsprechen, ist Aufgabe der Allgemeinen Schule. Ein sonderpädagogischer Förderbedarf ist erst dann anzunehmen, wenn diese Kinder und Jugendlichen in ihren aktuellen Bildungs-, Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten so eingeschränkt sind, dass sie im Unterricht der Allgemeinen Schule ohne sonderpädagogische Hilfe nicht hinreichend gefördert werden können.
Ausgrenzung 2:
Nach § 18 der VspF: Schülerinnen und Schüler mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf können zielgleich oder zieldifferent allgemeine Schulen besuchen, wenn dort die sonderpädagogischen, personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen gewährleistet sind. Die erforderlichen Voraussetzungen müssen für die Dauer eines Schuldurchlaufs einer Schulform erfüllt werden. Die Festlegung trifft die zuständige Schulbehörde, sie legt den Beginn des gemeinsamen Unterrichts und die Dauer der Teilnahme am gemeinsamen Unterricht fest.
Das bedeutet spF ja, aber Möglichkeit der Einschränkung der Art der Förderung durch nicht gegebene äußere Bedingungen beim gemeinsamen Unterricht.
Beispiel: Junge besucht die Förderschule L, hat keine massiven Lernprobleme, aber große Verhaltensproblematik, Umschulung scheitert an der Grundschule, die angibt, nicht die Voraussetzungen zu haben, diesen „schwierigen“ Schüler aufnehmen zu können. Eine Schule mit Ausgleichsklassen oder eine so genannte Förderschule V gab es ebenfalls nicht in der Umgebung. Damit wurde eine positive Entwicklung des Jungen durch größere Herausforderung in der Regelschule und Integration behindert.