Erste Schritte im Umgang mit traumatisierten Kindern – von Frau Poppki

Der Begriff Trauma bezeichnet nicht, wie häufig gemeint wird, das gefährliche, bedrohliche Ereignis, welches die psychischen Verarbeitungskapazitäten fast jedes Menschen übersteigt und Furcht, Hilflosigkeit und Entsetzen auslöst. Sondern die Verletzung der Seele, die durch solch ein Ereignis ausgelöst wird.   Seelische Verletzungen treten unter anderem durch äußere Ereignisse auf. z.B. Krieg, Folter, Flucht, Unfälle, Katastrophen, Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, Missbrauch u.s.w.  auf.

Maßgeblich für die Folgewirkungen des Traumas ist nicht die äußere Intensität des Ereignisses, sondern die subjektive Intensität des eigenen Erlebens.   Vernachlässigung oder äußere Gewalteinflüsse wirken sich dabei negativ auf die weitere seelisch-psychische Entwicklung aus und können zu einer akuten Belastungsreaktion, posttraumatischen Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen oder zur  Entwicklung von Neurosen führen.

Selbstverletzendes Verhalten kann ein Merkmal, einer durch ein Trauma verursachten psychischen Störung sein. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird vermutlich durch traumatische Erlebnisse erzeugt.

Die Auswirkung von Traumata beeinflusst oft in starkem Maße das Leben der Betroffenen. Traumatisierte Menschen, insbesondere Kinder wechseln häufig  zwischen dem Vermeiden von Erinnerungen an die seelische Verletzung und ihre Folgen (bis hin zu Trance-ähnlichen Zuständen) auf der einen und dem plötzlichen Überfallenwerden durch Erinnerungen auf der anderen Seite.  Diese treten oft in Form einzelner Bilder, Gefühle und Gerüche in das Bewusstsein oder durch bestimmte erinnernde Faktoren ( Trigger ). Diese Gefühle lösen Angstreaktionen aus, ohne dass der oder die Betroffene dies auf das Trauma zurückführt.

Grundregeln:
1. Hat ein Kind in seiner Herkunftsfamilie ein Trauma erlitten, als es vernachlässigt oder misshandelt wurde, oder sexuell überwältigende Erfahrungen machen musste, so ist diese Realität als solche auch anzuerkennen.
2. Wollen die Pflegeeltern wissen, was ihr Pflegekind früher erlebt hat und was wirklich geschehen ist, und sind sie bereit, sich das Unvorstellbare vorzustellen, trägt dies zur Überwindung der Einfühlungsverweigerung bei.
3. Die seelische Verletzung eines Kindes erfordert die moralische Stellungnahme der Personen des sozialen Umfeldes. Diese können unmöglich neutral bleiben, ohne das Kind der Gefahr einer erneuten Traumatisierung auszusetzen (Abstinenz bedeutet, seine Eigeninteressen völlig zurückzustellen, nicht aber, absolute Neutralität zu wahren). „Eine Haltung, die bei uns automatisch abläuft, ist wohlwollende Neutralität, entmündigende Larmoyanz und ein weinerlicher Versöhnungsreflex“
4. Bei einem traumatisierten Kind spielt die Sicherheit, d.h. das Schaffen einer schützenden Umgebung das vorerst dringlichste Ziel. Erst nachdem ein klarer, sicherer Rahmen geschaffen ist, können die korrigierenden Erfahrungen in einer heilenden (Pflege-)Eltern-Kind-Beziehung wirksam werden.
5. Ein Kind kann die Last des Schmerzes nicht allein tragen. Es braucht Menschen, die ihm hierbei helfen. Helfen heißt mitschwingen mit dem Kind in seinen Gefühlen und seinem Erleben. „Das Kind braucht eine Solidarische Basis, echtes Mitgefühl und Distanzierungsmöglichkeiten von den traumatisierenden Beziehungspersonen. Die seelische Verletzung erfordert eine innere Solidarität mit dem Kind. Ein Kind muss sich darauf verlassen können, dass es von den erwachsenen Personen nicht geschädigt wird. Echtes Mitgefühl statt Larmoyanz (Rührseeligkeit: „Ach das arme Kind.“) das macht das Kind schwach und kraftlos. Heilung ist wie eine Operation ohne Vollnarkose= sie tut weh, ist entsetzlich. Passen wir gut auf, wenn über das Kind in dessen Beisein geredet wird. Statt Versöhnung: Hier gilt es immer: die eingefahrenen Denkgewohnheiten überprüfen. Fischer sagt: „es wäre die Pflicht der Kinder, um der seelischen Gesundheit willen, sich zu versöhnen’. Wenn ehemals misshandelte Personen diese frühen Erfahrungen verarbeiteten und sich innerlich distanzieren können, ist ein Unterbrechen des Gewaltzyklus möglich. Erst nach dem langen Aufbau einer stabilen Beziehung ist es möglich, in einer Trauerarbeit eine Distanz zu erreichen. Nienstedt/ Westermann sagt: „Ob das Kind sich mit den Bindungspersonen wird aussöhnen wollen oder können, sollte dem Kind nicht aufgezwungen werden.“
6. Es ist von elementarer Bedeutung für ein Kind, dass es sich verstanden fühlt. Da dies in der Regel häufig missling (3 ½ bis 15-mal pro Stunde kommt es normalerweise zum Konflikt zwischen Eltern und kleinen Kindern), ist es wichtig, dass (Pflege-)Eltern lernen, mit eigenem Ärger, Wut und Frustration umzugehen.
7. Allen der von Pflegeeltern ausgesprochene Wunsch, ihr (Pflege-)Kind besser verstehen zu wollen, bedeutet einem Kind schon sehr viel und trägt zu seiner Entlastung und gleichzeitig zu einer liebevolleren Beziehung bei.
8. Sich mit dem Kind, für das man Verantwortung übernommen hat, in Beziehung zu setzen bedeutet auch, sich zu `er-innern’, – das Kind hat seine eigene Lebensgeschichte. Sich mit dem Kind auf eine schmerzliche Erinnerungsarbeit einzulassen, ist vielleicht die größte Schwierigkeit, da man selbst mit Gefühlen von Angst und Ohnmacht, Enttäuschung und Kränkung, Scham und Schuld, drohendem Verlust jeglicher Selbstachtung, Wut und Hass konfrontiert wird.
9. Bei der Erinnerungsfähigkeit ist es von daher kaum mit einem einmaligen Erinnern getan, denn die realen Erfahrungen leben im Kind fort.
10. Hilfreiche und sinnvolle Grenzen setzen. Grenzen setzen bedeutet, das Kind vor erneuter Reizüberflutung zu schützen (Traumata durchbrechen den Reizschutz!) Eine Reizüberflutung setzt die Ich Funktionen für kurze oder längere Zeit außer Kraft.
11. Die Ich Funktionen des Kindes stärken, denn ein gestärktes, stabilisiertes Ich verarbeitet ein Trauma besser als ein geschwächtes. Zudem kann es auch Spannungszustände besser ertragen. Bei Bedarf dem Kind die eigenen Ich Funktionen zur Verfügung stellen, z.B. zur Realitätsprüfung in Gefährdungssituationen. Dem Kind dabei die eigene Bewertung belassen. Bei der Stärkung der Ich Funktionen dort ansetzen, wo das Kind steht, d.h. es anregen und das unterstützen, was ihm Freude macht, beispielsweise den Sport, der zur Beherrschung der Körperfunktionen führt.
12. Pflegeeltern käme die Aufgabe zu, ein inneres und gegebenenfalls auch äußeres Verbindungsglied zwischen dem Kind und anderen Menschen (oder Institutionen wie Kindergaren oder Schule) zu werden und die Sprachlosigkeit des Traumas zu überwinden, d.h. das gegenwärtige kindliche Verhalten in Beziehung zu setzen mit seinem früheren Erleben.
13. Bei Konflikten mit dem Kind den drohenden Kontrollverlust rechtzeitig wahrzunehmen suchen. Vermeiden, dass das Kind oder man selbst sich in die Enge getrieben und völlig hilflos fühlt.
14. Falls in einer Auseinandersetzung alles auf eine wieder Inszenierung des Traumas zusteuert und man dies rechtzeitig bemerkt, dem Kind einen Ausweg aufzeigen und den Fluchtweg nicht versperren, – auch nicht sich selbst.
15. Versuchen, das `Unsagbare’ auszudrücken, Worte für das Geschehen finden und die Inszenierung beschreiben (Pflegemutter: „Da läuft ein Film ab!“. Therapeutin: „Geben sie ihm einen Titel, – Klappe, die erste. Der Film kann aber auch angehalten werden, damit eine Szene gesondert betrachtet werden kann“) Das gäbe dem Kind die Chance, das selbst Erlebte distanziert wieder zuerkennen und dabei gleichzeitig zu erleben, dass sich in der Wiederholung auch ein Weg hin zur Veränderung eröffnet.
16. Bei der Wortwahl der Szenenbenennung die Würde des Kindes achten. „Würde“ ist ein Begriff, der nur von innen heraus zuklären ist, – aus dem individuellen Erleben eines jeden Kindes. Dem Kind hierbei nichts `aufs Auge drücken’! Allgemein formulieren, die 2. Person Singular vermeiden, den Konjunktiv verwenden. Dann kann das Kind selbst entscheiden, ob es sich mit dem Gesagten in Beziehung setzen will oder nicht.
17. Ist es bei einer wieder Inszenierung zu einer Grenzverletzung gekommen, die im Kind hervorgerufene Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Wut nicht leugnen und so tun, als habe sich gar nichts ereignet. Zur vollen Traumatisierung kommt es  erst in der dritten Phase, in welcher der Erwachsene das Geschehen leugnet und sich so verhält, als sei nichts geschehen. Wichtig ist, dass man Grenzen setzt und auch für die Sicherheit der anderen Kinder bürgt. Nicht darüber schweigen aber – wir sorgen für Regeln und Sicherheit. Für einen Raum sorgen, wo das Kind heftige Dinge ausagieren kann.
18. Die frühzeitige Beratung und therapeutische Begleitung der Pflegeeltern und des Kindes kann eine angespannte Eltern-Kind-Beziehung stark entlasten.
19. Eine Zukunftsperspektive aufzeigen, d.h. die Hoffnung setzen, dass die traumatischen Erfahrungen überwindbar sind. „Wir werden Wege finden.“ Es gibt kleine Dinge, wo man sie fordern kann, aber in den großen dingen ist das Kind überfordert.
20. Konflikte, die im zwischenmenschlichen Bereich entstanden sind, können auch nur im zwischenmenschlichen Bereich korrigiert werden. In dem Rahmen, in dem eine neue Beziehungserfahrung erlebt wird, kann das traumatisierende Introjekt aufgegeben und der Wiederholungszwang unterbrochen werden. Über ein Agieren allein oder das Kaputtmachen von Sachen kann kaum etwas geklärt werden.
21. Um den Erhalt des Guten kämpfen, damit es als solches auch stehen bleiben kann.
22. Wichtig ist auch, sich in den Schulgesetzen gut auszukennen. Eltern können eine Kleinlerngruppe beantragen in der OS die Schule ist dazu verpflichtet. Guten Kontakt zum Schulpsychologen halten und ebenfalls zur Lehrerin. Nicht vergessen, den Lehrkräften auch einmal ein Danke zu sagen, eine Rückmeldung abgeben, damit sie merken, ja es lohnt sich.
23. Schlimm für das Kind ist es, gezwungen und in die Ecke gedrängt zu sein = Szene des Traumas. Hilfe ist das Zwei-Wege-Modell — zwischen 20 Möglichkeiten kann es sich nicht entscheiden, aber zwei Dinge kann es überblicken: „Du kannst es so oder so machen. Entscheide Du!“ einen Ausweg aufzeigen, es muss dem Kind eine Fluchtmöglichkeit gegeben werden. „Das muss, du sollst.“ Das Kind sagt noch: Das kann ich nicht.“ Und kommt ganz durcheinander. Konkrete Hilfe ist es zwei Wege anzubieten, so dass wir quasi als Sortiermaschine fungieren.
24. Weitere Hilfen: Schützender Rahmen= innere und äußere Sicherheit, Vorhersagbarkeit, Durchschaubarkeit, Strukturiertheit, rechtzeitige Ankündigung Es kommen ganz heftige Affekte in die Pflegefamilie. Wut, Scham, Kränkung, Schuld, Ohnmacht, Enttäuschung. Umgang mit heftiger Wut und Hass auch wenn sie es nicht können= sagen Sie dem Kind: „Ich würde dich gerne verstehen.“ Kinder halten den Wunsch schon für die Tat. Eine demütige Haltung einnehmen: „Ich habe das nicht erfahren.“ Den Wunsch= ich möchte dich verstehen brauchen die Kinder- es ist wichtig, dass wir es aussprechen. Die jeweilige Gefühlslage erkennen, widerspiegeln und benennen, damit das Kind einen Namen dafür hat: „Ich bin traurig, ich habe Wut.“ Wahrnehmen und aussprechen. Die Gefühlslage verstehen und entsprechend beantworten: z.B.: Baby weint und ich gehe lachend hin und beachte die Gefühlslage nicht – das ist nicht die richtige Reaktion. Wenn der Mann abends erschöpft nach Hause kommt, evt. gefrustet und die Ehefrau kommt ihm lustig entgegen- fühlt er sich genauso irritiert. Wir wollen gerne dort abgeholt werden, wo wir stehen- aber nicht miteinander untergehen. D.h. die Gefühlslage erkennen und anerkennen, sich aber nicht mit herunterziehen lassen.