Bedeutung innerpsychischer Vorgänge für das Verhalten – von Frau Hirschfeld

In meinem Vortrag beziehe ich mich auf den Kindespersonenkreis. Vorweg möchte ich jedoch anmerken, dass ich auf Grund der kurzen mir zur Verfügung stehender Zeit in meinem Vortrag nicht auf die einzelnen Bindungsqualitäten und Bindungsstörungen eingehen werde, da jeder einzelne von uns dies in dem Skript, das uns im Rahmen des Kurses zur Verfügung gestellt wurde, selbst nachlesen kann.
Vielmehr möchte ich mich auf die normale Eltern-/ Kindbeziehung beschränken, auf Kinder, die in einem ungünstigen Familienmilieu aufwachsen und die sich daraus ergebenen Folgen, eingehen und abschließend auf das Verhältnis von Kindern mit Bindungsstörungen zu ihren Pflegeeltern.
Der Grundstein für die Entstehung von Bindungen zu einer oder mehreren Bezugspersonen erfolgt in den ersten 3 Jahren. Die Erfahrungen, die das Kind in diesem Zeitraum sammelt, ist meist prägend für seinen weiteren Lebensverlauf, haben Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf die Fähigkeit innige und gesunde Gefühlsbindungen zu bilden, haben Auswirkungen auf den Selbstwert, auf die Partnerschaft und das psychische Befinden. Eine Besonderheit ist, dass die Stärke einer Bindung unabhängig von ihrer Güte ist. Auch misshandelte Kinder sind in der Lage, eine intensive und tiefgreifende Bindung zu einer Bezugsperson zubilden.
Die normale Eltern-/ Kindbeziehung ist geprägt von einem Wechselspiel zwischen ihnen. Bereits mit der Geburt zeigen die Kinder Bindungsverhalten in dem sie mittels weinen, schreien, halten von Blickkontakten, anfassen, anklammern, hinterherlaufen u. ä. auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen, worauf die Eltern in einer intakten Beziehung fürsorglich reagieren und dem Kind Geborgenheit und Nestwärme geben. Im Rahmen dieser Sicherheit gewinnt das Kind Vertrauen, kann seine Umwelt erkunden, neues lernen und die Erfahrungen einordnen. Es entwickelt eine feste Verbindung zu seinen Eltern. Die Eltern sind die festen Bezugspersonen, zu denen es stets mit seinen Kümmernissen und Nöten kommen kann. Es erlebt, dass in Notsituationen die Eltern eine sichere Stütze und Basis darstellen, dass sie bei Kummer getröstet werden, frei über alles sprechen können und als vollwertige Persönlichkeit akzeptiert wird. Bei Traurigkeit und Kummer gelingt es einer fremden Person kaum das Kind zu trösten und aufzumuntern. Die Kinder, die in einer derartig normalen Eltern-/ Kindbeziehung aufwachsen, haben es meistens viel leichter, ihren Lebensweg zu finden und sind in vielen Bereichen kompetenter und widerstandsfähiger.

Anders ist es bei Kindern, die die ersten Lebensjahre in schwierigen Familienverhältnissen verbringen. Durch massive Vernachlässigung, zu wenig Liebe und Geborgenheit, körperliche und emotionale Misshandlungen, sexuale Gewalt, psychisch kranke Eltern, häufig wechselnde Bezugssysteme um nur einige Beispiele zu nennen, ist der Aufbau bzw. die Entwicklung zu einer festen Bezugsperson kaum möglich, im schlimmsten Fall entwickelt das Kind gar keine Beziehung. Auf Grund der äußerst schwierigen Familienverhältnisse und Erfahrungen mit eben diesen
Abb. 8: Kindliches Empfinden und kindliche Entwicklung in einer glücklichen Familie/Frau Hirschfeld
Personen erlangt das Kind innere Vorstellungen, in dessen Ergebnis sie diese Bezugsperson, sich selbst und die Umwelt als unzuverlässig wahrnehmen. Diese negativen Erfahrungen führen dazu, dass diese Kinder all und jeden, insbesondere ihre Bezugsperson, misstrauen, ihr oft feindselig und ablehnend gegenüber steht, in Konfliktsituationen aggressiv reagieren. Oft sind sie nicht mehr in der Lage, sich auf positive, d. h. liebevolle Beziehungsangebote wirklich einzulassen. Ihnen fehlt damit die Basis für die Entwicklung einer stabilen selbstbewussten Persönlichkeit. Diese Kinder zeigen oft erhebliche Entwicklungsrückstände im körperlichen Bereich, im Handeln und Denken, im Gebrauch der Sprache sowie im Sozialverhalten. Sie empfinden sich selbst als schlecht, ungeliebt, wertlos und unerwünscht. Mit dem Aufzeigen von Grenzen und Zurechtweisungen kommen sie nicht zurecht und reagieren darauf mit Wutausbrüchen und fühlen sich benachteiligt. In Konfliktsituationen sind immer nur die anderen schuld. Sie fallen oft als Störenfriede auf, werden auf Grund ihres Verhaltens von ihrer Umgebung abgelehnt und oft nicht verstanden. Diese Kinder haben wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, sind beeinträchtigt im Spielen, sind übervorsichtig, zeigen wahllose Freundlichkeit und Distanzlosigkeit u.ä..

Kommen diese Kinder in Pflegefamilien ist es für beide Seiten ein äußerst schwieriger und weiter Weg zu einem harmonischen Zusammenleben, dass geprägt ist von Vertrauen, Achtung, Ehrlichkeit, Liebe und Solidarität. Der Aufbau neuer Bindungen braucht Zeit, da Vertrauen aufgebaut und gemeinsame Erfahrungen gemacht werden müssen. Es ist besonders wichtig, dass sich die neue Eltern/ Kindbeziehung so entwickelt, dass sie sich deutlich von der Herkunftsfamilie abhebt. In schwierigen Situationen ist es ganz wichtig, dass die Kinder merken, dass die Pflegeeltern fest zu ihnen stehen und nicht alleine lassen, kurzum, dass sie merken, dass sie wirklicht geliebt werden und zu einem Bestandteil der neuen Familie geworden sind. Als Zeitraum für eine neue Eltern-/  Kindbeziehung werden von Bindungsforschern zwei Jahre angegeben, wobei kleinere Kinder rascher eine neue Beziehung eingehen können. In dieser Zeit ist oft ein Wechselbad der Gefühle bei den Kindern zu beobachten.

So zeigen sich die Kinder oft als liebevoll, anhänglich, zuvorkommend, charmant und brav, um im nächsten Augenblick ihren Pflegeeltern abweisend, aggressiv, feindselig und provozierend  gegenüber zu stehen. Die Pflegeeltern neigen in dieser Situation oft dazu, an ihre Erziehungskompetenzen zu zweifeln. Es kann zu Überreaktionen kommen wie Bestrafungen des Kindes, emotionale Zurückweisung, zeitweisen Liebesentzug bis hin zur Fragestellung war es richtig, das Pflegekind in die Familie aufzunehmen.  Diese Überreaktion kann beim Kind, das gerade erste Bindungen und Vertrauen zu den neuen Bezugspersonen aufbaut zu erheblichen Rückschlägen führen, bis hin zu unkontrollierten Wutausbrüchen und verbalen Entgleisungen.

Oft ist auch zu beobachten, dass die Kinder gegenüber fremden Personen sich als charmanter und zuvorkommender erweisen als gegenüber ihren Pflegeeltern. Diese Tatsache ist für die Pflegeeltern oft sehr kränkend und schmerzhaft, da gerade sie es sind, die den Kindern viel Liebe und Pflege angedeihen lassen, sie fördern und auf ihre Bedürfnisse eingehen, ihnen ein neues, intaktes und kinderfreundliches Zuhause geben, dafür sorgen, dass sie sich zu einem vollwertigen Menschenkind entwickeln können und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Dieses Verhalten ist damit zu erklären, dass für die Kinder Beziehungen zu Fremden nicht so gefährlich sind, und sie die Kontrolle darüber besser behalten können, auf eine kurze Formel gebracht: Fremde kann man einfach verlassen, Pflegeeltern nicht.

Abschließend möchte ich anmerken, dass nach der Bindungstheorie mein Vortrag in kurze einfache Worte gefasst werden kann:
§ ein Kind mit positiven Bindungen entwickelt ein positives inneres Arbeitsmodell von Bindungen, d.h. sie fühlen sich:
§ erwünscht, liebenswert, erfahren Achtung und Freundlichkeit, fühlen sich sicher versorgt in der Familie, finden
§ das Leben lebenswert
§ Kind mit negativen Bindungen entwickelt
§ ein negatives inneres Arbeitsmodell von Bindungen, d.h. sie fühlen sich
§ ungeliebt, wertlos, hilflos, schlecht, schuldig

Ergebnis:
§ Kind mit positiven Bindungen:   hat einen leichteren Lebensweg
§ Kind mit negativen Bindungen:  schwieriger und oftmals steiniger Lebensweg, abgemildert durch Integration in
§ eine Pflegefamilie