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Pflegeelternvereine - mehr als nur eine gemütliche Runde

Was Pflegeelternvereine leisten geht weit über die Möglichkeiten eines Stammtisches hinaus und ist ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Pflegekinderwesens.


Deutschland gilt gemeinhin als das Land der Vereine. Für jeden erdenkbaren Sinn und Zweck wird ein Verein gegründet und mit Ernst betrieben. Von der Kleingartensparte bis zum Roten Kreuz, von der örtlichen Menschenrechtsgruppe bis zum sagenumwobenen Karnickelzüchterverein.

Warum sollten Pflegeeltern also die Mühe auf sich nehmen, einen eigenen Verein zu gründen? Gibt es nicht bereits genügend andere Vereine, in denen man sich engagieren, treffen und Vergnügen haben kann? Was hat Pflegeeltern in Sachsen-Anhalt gereizt, Vereine zu gründen? Schließlich gibt es zur Zeit in 17 von 24 Kreisen und Städten des Landes Vereine.

Zwischen allen Pflegefamilien gibt es Gemeinsamkeiten, die sich allein aus der Tatsache, eine Pflegefamilie zu sein, ergeben. Man hat ähnliche Erfahrungen  mit dem Kind, seiner Herkunftsfamilie oder mit dem Jugendamt. Ein Verein schafft zunächst einmal die Voraussetzung, mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen und Interessen haben, zusammen zu kommen und sich auszutauschen. Allein die Erkenntnis, nicht allein zu stehen, sondern Erfahrungen  mit anderen Menschen zu teilen, schafft bereits Erleichterung.

Frau Storch aus Schönebeck beschreibt dies so: “Bis dato [Vereinsgründung, Anm. d. Red.] waren wir alle der Meinung, es liefe alles Klasse, keiner hatte Sorgen. Gut, ich glaubte schon, dass es nicht immer toll war, aber da alle anderen keine Probleme hatten, meinte ich, etwas falsch zu bewerten. [...]  Als eine Pflegemutti nicht anderes konnte, als die Gelegenheit zu nutzen und über ihre Sorgen zu sprechen, brach es aus den anderen auch heraus.”

Um das Gespräch in Gang zu bringen, kann es hilfreich sein, wenn die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderdienstes bei Vereinstreffen nicht immer anwesend sind. Dies hängt aber stark von den örtlichen Gegebenheiten ab und kann nicht verallgemeinert werden.

Durch den Erfahrungsaustausch nimmt man oft erst wahr, dass Pflegeeltern gemeinsame Interessen haben. Ein Verein kann also hilfreich sein, diese zu finden, zu  formulieren und  nach außen zu vertreten. Der Vereinsvorstand spricht, beispielsweise bei Verhandlungen mit dem Jugendamt,  nicht für sich allein, sondern ist demokratisch legitimiert, für eine ganze Gruppe zu verhandeln. Dies gibt der Stimme der Pflegeeltern ein höheres Gewicht.

Auch für das Jugendamt kann ein Verein hilfreich sein. Schließlich bietet er den Mitarbeiterinnen dort nicht nur einen Ansprechpartner für die Belange der Pflegeeltern, sondern kann die Arbeit des Pflegekinderdienstes auch unterstützen, indem gemeinsam mit dem  Verein Treffen oder Fortbildungen der Pflegeeltern organisiert werden. So ergeben sich viele Kooperationsmöglichkeiten zwischen Vereinen und Jugendamt, die allen Beteiligten nutzen können, wenn man zu einem gleichberechtigtem Miteinander kommt.

Die Vereine können sich durch die Unterstützung des Landes Fortbildungen selbst organisieren. Für die Pflegeeltern hat dies den Vorteil, dass sie selbst entscheiden können, zu welchen Themen und mit welchen Referenten sie arbeiten.

Vereine können einen ganz wesentlichen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit für das Pflegekinderwesen leisten. Leider werden die Leistungen der Jugendhilfe in der Öffentlichkeit nicht hinreichend gewürdigt. Oft werden Institutionen und Familien sogar mit gravierenden Vorurteilen konfrontiert. Pflegefamilien werden zuweilen für “Abzocker” gehalten, Kinder und Jugendliche, die in Pflegefamilien aufwachsen gelten nicht als die bevorzugten Spielgefährten.

Die Vereine können durch eine gute Pressearbeit leichter als andere Institutionen helfen, diese Vorurteile gerade zu rücken. Berichte in den Medien leben weniger von der sachlichen Information, als vielmehr von Persönlichkeiten und Schicksalen. Das mag bedauert werden,  man kann sich dieser Tatsache jedoch nicht entziehen.

Die Chance, einen Artikel in der Presse veröffentlichen zu können, sind um so größer, je besser im Beitrag allgemeine Probleme am Beispiel von einzelnen Personen dargestellt werden. Darüber hinaus bieten Vereinsjubiläen oder  Veranstaltungen eine gute Gelegenheit, die Presse auf sich aufmerksam zu machen. Der Halberstädter Verein hat sein fünfjähriges Bestehen zum Anlass genommen, sich umfassend in der Presse zu präsentieren, wobei neben einigen kleineren Artikeln auch eine ganze Seite in der Lokalausgabe der Volksstimme veröffentlicht wurde. Auch andere Vereine nutzen Vereinsjubiläen, um auf Pflegefamilien aufmerksam zu machen.

Faltblätter und anderes Informationsmaterial, das beispielsweise in Schulen oder Jugendämtern ausgelegt werden kann, sind weitere Möglichkeiten, die Öffentlichkeit über Pflegekinder und ihre Familien zu informieren.

Die Vereine sind auch die Basis für gemeinsame Unternehmungen von Pflegefamilien. Bei regelmäßigen Treffen, gemeinsamen Ausflügen oder Veranstaltungen lernt man sich gegenseitig kennen, tauscht sich aus und hat Spaß und Vergnügen. Nicht nur für die Erwachsenen ist das gegenseitige Kennenlernen und der Austausch wichtig. Gerade die Kinder erfahren durch Treffen mit anderen Pflegekindern, dass sie nicht die Außenseiter sind, bei denen alles anders läuft, sondern dass es viele Kinder mit ähnlichen Erfahrungen gibt. Für sie kann es befreiend sein, sich mit gleichaltrigen zu treffen, ohne  sich für die besondere Lebenssituation rechtfertigen zu müssen.

Auf diese vielfältige Weise können Vereine den einzelnen Pflegefamilien helfen, den Alltag zu meistern, Interessen gemeinsam zu vertreten und einander kennen zu lernen.

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