Ich brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun soll

Interview mit einer Pflegemutter zum Thema Supervision für Pflegeeltern

Eilenberger: „Wie lange sind sie schon Pflegemutter und wie viele Kinder waren schon in ihrem Haushalt?“

Pflegemutter: „Ich bin seit knapp 16 Jahren Pflegemutter. Ja, 45 Kinder waren schon bei mir, einige mehrfach.“

E: „Wer trägt in ihrer Familie die Hauptlast mit der Aufgabe Pflegekinder?“

PM: „Muttern, die typische Rollenverteilung!“

E: „Haben sie einen Beruf erlernt, wenn ja üben sie diesen noch aus?“

PM: „Ja, ich bin Krankenschwester. Nein ich bin für die Kinder da. Ach, ja und ich arbeite als Notfallseelsorgerin, ich brauchte irgendwann mal was anderes, als Kinder, Kirche, Küche!“

E: „Hilft ihnen ihr erlernter Beruf bei der Erfüllung ihrer Aufgaben als Pflegemutter?

PM: Überlegt „Teilweise schon, gerade beiden den Kindern mit Behinderungen, da kann ich auf Gelerntes zurückgreifen, medizinische Krankheitsbilder und Psychologie. Aber sonst nur private Krankenpflege.“ Lacht.

E: „Wenn ich behaupten würde, Pflegefamilien leben seit der Aufnahme des ersten Pflegekindes in einer latenten Dauerkrise, was wurden sie sagen,
stimmt genau, stimmt teilweise oder stimmt gar nicht?“

PM: „Was heißt latent, die Krise ist immer möglich aber nicht immer da? Ja, ja aber nicht so sehr mit den Kindern, eher nicht. Aber mit dem Jugendamt, es gibt immer mal Situationen, die sind wirklich grenzwertig!“

E: „Nutzen sie Hilfen und Unterstützung als Pflegeeltern?“

PM: „Teilweise, in den ersten Jahren öfter von anderen Pflegeeltern und dann von einer Psychologin. Vor allem wegen der eigenen Kinder!“

E: „Kennen sie Supervision, wo und in welcher Form ist sie ihnen begegnet und welche Erfahrung ist damit verknüpft?“

PM: „Bei der Notfallseelsorge ist mir Supervision das erste mal begegnet und ich fand es positiv. Das war eine Gruppe. Für Pflegeeltern habe ich Supervision bei der Psychologin erlebt, das war Einzeln. Und jetzt durch das Fachzentrum eine Gruppe Pflegeeltern. Ich fand, alles hatte eine positive Wirkung.“

E: „Wann würden sie Supervision in Anspruch nehmen und was genau, würden sie sagen, hilft ihnen bei Supervision?“

PM: „In Krisen, wenn ich selber das Gefühl habe, das was fehlt und festgefahren bin. Ich komme irgendwie auf den Punkt. Ich komme aus meiner Routine in der Familie raus, das ist eine andere Ebene.

E: „Ist das eher als eine professionelle Ebene zu bezeichnen, um was es dann in der Supervision geht?“

PM: „Ja, eben raus aus dem ganzen Privaten.“

E: „Welches sind aus ihrer Sicht die wichtigsten, immer wieder kehrenden Themen für Supervision?“

PM: „Ich denke an Bereitschaftspflegeeltern und die vielen Trennungen. Vor allem vom Jugendamt unprofessionell gehändelte Abschiede. Wir müssen die Kinder in dem unwürdigen Zustand wieder abgeben, in dem wir sie bekommen haben. Das hinterlässt Narben und die werden gedeckelt durch neue Kinder.“

E: „Was sind für sie Ziele von Supervision und welche Form ist ihnen lieber?“

PM: „Die Ziele sind Ursachenforschung, würde ich sagen und Probleme erkennen. So, Problem erkannt, Problem gelöst. Bei schweren Problemen würde ich lieber Einzelsupervision nehmen aber in der Gruppensupervision kommt man den anderen näher. Aber es muss Vertrauen untereinander da sein.“

E: „War das Supervision, damals bei der Psychologin, woran würden sie das erkennen?“

PM: „Es war schon Supervision im Nachhinein, ich kannte die Person schon und da haben schon kurze Interventionen gereicht, um wieder klar zu sehen. Supervision ist irgendwie gezielter.“

E: „Warum wählen sie Supervision als Unterstützung und nicht Beratung oder Therapie beim Psychologen?

PM: „Ja, Supervision ist gezielter als psychologische Betreuung und es geht um mich, sonst ging es immer eher um die anderen. Und die Berater die mir zur Verfügung standen, haben fachlich nicht das gebracht was ich gebraucht hätte. Ich brauche Niemanden, der mir sagt, was ich machen soll!“

E: „Kannten sich ihre Supervisoren mit Pflegeeltern aus?“

PM: „Ja, beide.“

E: „was sagen sie, kann Supervision für Pflegeeltern generell ein geeignetes Angebot sein?“

PM: „Ja, Pflegeltern müssen aber erst mal begreifen, das ihnen das was bringt und sie müssen es selber wollen. Wer sich einlassen kann, dem bringt es auch was. Rollenspiele sind ja auch nicht mein Ding aber es bringt was. Warum mag ich das wohl nicht? Ich glaube, das ich beobachtet werde, behagt mir nicht, weckt alte Unsicherheiten. Aber es ist vollkommen in Ordnung so!“

E: „Was hat ihnen geholfen es so zu sehen, sich einzulassen?“

PM: „Ich bin eben anders drauf, aufgeschlossener. Ich kannte ja Supervision von der Notfallseelsorge und ich kenne funktionierende Gruppen.“

E: „Was würden sie abschließend sagen, wohin sollte sich Supervision für Pflegeeltern entwickeln?“

PM: „Es soll sich überhaupt erstmal entwickeln und in Gang kommen, in unserem Landkreis gab es ja nichts. Einzelne haben sich was gesucht. Man muss es schaffen die Pflegeeltern zu motivieren aber alle sind sehr skeptisch.“

E: „Wie könnte man die Skepsis auflösen?“

PM: „Das überlege ich auch schon die ganze Zeit. Ich werde das Thema immer wieder ansprechen und die Teilnehmer vom letzten Mal motivieren, die anderen anzustecken, wie bei den Masern. Das geht nur über positive, eigene Erfahrungen.“

E: „Danke für das Gespräch.“