Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Recht und Jugendhilfe Fachartikel Familienrecht Das Recht auf gewaltfreie Erziehung Das Recht auf gewaltfreie Erziehung - Konsequenzen für das Pflegekinderwesen

Das Recht auf gewaltfreie Erziehung - Konsequenzen für das Pflegekinderwesen

In dem Artikel wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung beschrieben, Schwierigkeiten bei der Umsetzung geschildert und Konsequenzen für die Zusammenarbeit von Pflegeeltern und Pflegekinderdienst gezogen.


Das Recht auf gewaltfreie Erziehung

Vor 5 Jahren wurde nach langer Diskussion das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung in das BGB aufgenommen. Dort heißt es seitdem im § 1631 II BGB „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Alle Kinder haben also ein Recht darauf, ohne körperliche Bestrafungen, wie Schläge, Halten, Schubsen oder Stoßen aufzuwachsen. Untersagt ist nicht nur die „Tracht Prügel“, sondern auch schon der ominöse „Klaps, der noch niemandem geschadet hat.“ Darüber hinaus sind auch seelische Verletzungen unzulässig, zu denen bewusstes ignorieren oder Beleidigen gehört, aber auch verletzende Situationen wie beispielsweise in Anwesenheit des Kindes gegenüber Freunden über es her zu ziehen. Als Drittes sind sonstige, entwürdigende Maßnahmen, wie beispielsweise Erpressen oder unangemessenes Drohen (nicht das ankündigen von Konsequenzen) verboten.

Das Recht auf gewaltfreie Erziehung wurde allerdings bewusst nicht mit Konsequenzen, wie beispielsweise Strafandrohung ausgestaltet, da man vermeiden wollte, dass Eltern zu Straftätern werden, wenn ihnen „mal die Hand ausrutscht“. Vielmehr wurde es als Ziel formuliert, dass durch Hilfe und Unterstützung erreicht werden soll. In der Begleitforschung zum Gesetz wurde festgestellt, dass die meisten Deutschen das Recht auf gewaltfreie Erziehung auch als ihr Erziehungsideal anerkennen.

Probleme der Umsetzung in die Praxis

Die meisten Pflegefamilien tragen sicher das Recht auf gewaltfreie Erziehung mit. Dennoch kommt es bei der Umsetzung des Ideals in der Praxis zu Schwierigkeiten. Hier sind im wesentlichen drei Felder auszumachen:

Pflegefamilien haben es ungleich schwerer als andere Familien, das Ideal der gewaltfreien Erziehung zu erreichen, da die Kinder auf Grund ihrer Vorerfahrungen besonders anspruchsvoll und Pflegeeltern daher besonders belastet sind. Sie stoßen eher an Grenzen, werden öfter und massiver provoziert und habe häufiger mit stark verhaltensauffälligen Kindern zu tun. In der Begleitforschung zum Recht auf gewaltfreie Erziehung wurde festgestellt, dass es zu Gewalt in der Erziehung in erster Linie dann kommt, wenn Eltern überfordert sind, sich hilflos und ohnmächtig fühlen und sich ohne Gewalt nicht zu helfen wissen.

Das Jugendamt hat bei der Umsetzung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung eine besondere Verantwortung.. Es hat einerseits sein Wächteramt wahr zu nehmen, was natürlich besonders dann gilt, wenn es selbst Hilfe zur Erziehung leistet, indem es Pflegekinder in Familien unterbringt. Hier haftet es gegenüber den leiblichen Eltern dafür, dass dem Kind nichts geschieht. Andererseits hat es auch die Aufgabe zu beraten. Mit der Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung wurde ihm im § 16 SGB VIII der Beratungsauftrag, „Wege aufzuzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können“, erteilt. Kommt es also zu Gewalt in der Erziehung in einer Pflegefamilie, muss das Jugendamt in jedem Fall reagieren. Hierbei steht es vor dem Problem, einerseits Wächter, andererseits Berater und Begleiter zu sein.

Als dritter Aspekt ist zu berücksichtigen, dass das Recht auf gewaltfreie Erziehung auch von Kindern oder leiblichen Eltern als Mittel eingesetzt werden kann, die Pflegefamilie zu diskreditieren. Aus der Praxis sind Fälle bekannt, in denen leibliche Eltern die Pflegeeltern durch eine unberechtigte Anzeige unter Druck setzen wollten. Auch Pflegekinder haben sich schon durch Lügen über angebliche Gewalt in der Familie versucht, Vorteile zu verschaffen.

Konsequenzen für das Pflegekinderwesen

  • Bei der Auswahl von Pflegeeltern ist darauf zu achten, dass sich diese dem Recht auf gewaltfreie Erziehung in hohem Maße verpflichtet fühlen. Die Haltung der Bewerber zum Recht auf gewaltfreie Erziehung ist in den Bewerbungsgesprächen zu thematisieren.
  • Pflegefamilien sind so zu begleiten, zu beraten und fortzubilden, dass sie das Recht auf gewaltfreie Erziehung in der Familie umsetzen können. Pflegefamilien müssen die Bereitschaft mitbringen, sich entsprechend zu qualifizieren und an sich zu arbeiten. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie spüren, dass sie leicht reizbar oder besonders belastet sind.
  • Pflegefamilien müssen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Jugendamt suchen, da das Jugendamt Schutz für die Pflegefamilie bieten kann, wenn sie zu unrecht beschuldigt wird, Gewalt in der Erziehung anzuwenden. Nur Pflegedienstmitarbeiter, die „ihre“ Pflegeeltern gut kennen, können für sie „die Hand ins Feuer legen“. Dies schliesst die Bereitschaft der Pflegefamilie ein, zeitweise Überlastungen oder besonders schwere Situationen von sich aus anzusprechen und um Hilfe und Unterstützung zu bitten.
  • Wird eine Pflegefamilie beschuldigt, Gewalt in der Erziehung anzuwenden, muss das Jugendamt die Vorwürfe ernsthaft und umgehend prüfen. Hierbei sollte es kritisch aber respektvoll mit der Pflegefamilie umgehen. Vorschnelle Schuldzuweisungen sind nicht am Platz, denn es könnte sich ja heraus stellen, dass die Beschuldigungen nicht zutreffen.
  • Kommt es zu Gewalt in der Erziehung in der Pflegefamilie ist das Jugendamt zum Handeln verpflichtet. Die Palette der Handlungsmöglichkeiten reicht von Beratung und Supervision über die Installierung unterstützender Maßnahmen bis hin zum Abbruch des Pflegeverhältnisses. Welche der Maßnahmen in der konkreten Situation notwendig ist, muss im Einzelfall entschieden werden. Pflegeeltern müssen hier in besonderem Maße zur Zusammenarbeit bereit sein und eigenes Handeln kritisch reflektieren.

Artikelaktionen
Anmelden


Passwort vergessen?